Josef Werndl, der Mann und sein Werk.
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Außer dem in Steyr selbst befindlichen Werk hatte der Vater die Wasserkraft „in der Letten“ bei Neuzeug an der Steyr (Abb. 3) besessen; er hatte sie 1835 erworben und dort mehrere Reckhämmer und ein kleines Walzwerk aufgestellt. Schmieden und Läutern von Gewehrläufen, Herstellen von stählernen Ladestöcken, von Spitzen und Schuhen für Lanzen, von Ringen, Griffen, Kolbenkappen für Gewehre, von Bajonetten, Faschinmessern und Gewehrrequisiten war das immerhin beträchtliche Erzeugungsprogramm des Vaters gewesen. Alles aber nur Teilerzeugung, deren Grenzen allzueng gezogen waren und damit den Drang des Sohnes nach Großleistung nicht befriedigen konnten.
Mit kühner Energie steuert er darauf los, die bestehenden Anlagen auszubauen, alle Errungenschaften der damaligen Zeit auszunutzen, um den eigenen Betrieb zur Konkurrenz mit der ganzen Welt zu befähigen. Die Waffenlieferanten des eigenen Landes betrachtet er schon längst nicht mehr als ernstliche Konkurrenten.
Die ersten maschinellen Einrichtungen werden durchgeführt, auf deren Zweckmäßigkeit ihn die verlangte Herstellung von Gewehrläufen aus massiven Gußstahlbarren bringt. Und damit beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte Steyrs, vorbereitet durch Josef Werndls Vater, eingeleitet und aufgebaut durch ihn selbst. Steyr gewinnt den Vorrang über alle der Waffenerzeugung gewidmeten Betriebe des Landes und sichert sich dadurch seine Stellung in der das Kleingewerbe immer mehr ersetzenden Industrie für spätere Zeiten.
1861 faßt Werndl den Beschluß, die den Weltmarkt damals beherrschende englische Gewehrindustrie an Ort und Stelle kennen zu lernen, und der bald darauf ausbrechende Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit dem von den Agenten der beiden dort kriegführenden Parteien in Erfahrung Gebrachten veranlaßt ihn, nach Nordamerika zu gehen.
Wenn auch die Hoffnungen Werndls auf Erhalt von amerikanischen Waffenlieferungen durch den bald mit der Niederwerfung der Südstaaten beendeten Krieg sich nicht erfüllen, so ist das Ergebnis dieser Reise für die Entwicklung des WERNDLschen Betriebs doch von größter Bedeutung. Er gewinnt Einblick in den schon damals auf beachtenswerter Höhe stehenden, durch den plötzlichen großen Bedarf der im Kampf stehenden Armeen und durch den Mangel an geschulten Handarbeitern immer mehr in den Dienst der Waffenerzeugung gestellten Werkzeugmaschinenbau Amerikas und lernt Arbeitsmethoden kennen, die ihm für die Herstellung von Kriegswaffen als die allein richtigen erscheinen. Mit dem bestimmten Entschluß ihrer Einführung in seinem Betrieb kehrt er in die Heimat zurück,
Die Art, wie Werndl sich Eingang in die amerikanischen Fabriken verschafft, verdient besondere Erwähnung. Er kommt nach Ilion in die Remingtonsche Waffenfabrik, stellt sich als Waffenerzeuger vor und ersucht um Bewilligung der Besichtigung der Fabriksanlagen, die ihm als Konkurrenten aber glatt verweigert wird. Kurze Zeit darauf erscheint der Arbeiter Josef Werndl im Arbeiteraufnahmebüro der Remingtonschen Fabrik und bittet um Arbeit, die er erhält. Und sechs Monate später besucht der mittlerweile wieder Waffenfabrikant Gewordene den Direktor des amerikanischen Unternehmens, dem er erklärt, er habe nun doch das gesehen, was er sehen wollte. Einige von Remington erworbene Laufbohrmaschinen sind