Josef Werndl, der Mann und sein Werk.
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In der Reihe der Auslandslieferungen folgt nun neuerlich ein Auftrag Frankreichs, das das von der Österreichischen Waffenfabrik vorgelegte Repetiergewehr, System Kropatschek mit Gradverschluß, angenommen hat; dann solche von Griechenland, Montenegro, Persien, Chile und China. Die Österreichische Waffenfabriks Gesellschaft ist damit auch Überseelieferantin geworden; sie hat sich Weltgeltung errungen.
Das Bestreben, die Handfeuerwaffen ballistisch wirksamer zu gestalten und damit auf nahe Distanzen möglichst vollkommen bestrichene Räume und auf Distanzen bis 1800 m eine ausreichende Durchschlagkraft zu erhalten, führt 1877 in Österreich- Ungarn zur Verwendung einer größeren Pulverladung als bisher, was, abgesehen von der hierfür erforderlichen neuen Patrone, Änderungen am Lauf, Laderaum und Aufsatz des bisherigen Modells erforderlich macht und damit Steyr auch Arbeit für das eigene Land bringt.
Anfangs der Achtziger]ahre ergeben sich vorübergehende Stockungen in den Waffenlieferungsaufträgen. Werndl weiß diese durch Ausdehnung seines Betriebsprogramms auf Jagd Waffen und auf die Herstellung elektrischer Maschinen und elektrischer Lampen abzuwehren, und die Zeit zur Vorbereitung auf die nach seiner Überzeugung binnen kurzem kommende Ausrüstung der Heere aller Länder mit Repetiergewehren auszunützen.
Der Wunsch, die bisherigen Einladegewehre durch Adaptierung — Anbringung eines mit dem Gewehr fest verbundenen Magazins oder aber durch Verwendung abnehmbarer Magazinskasten — in Mehrladegewehre umzubauen, führt zu zahlreichen Versuchsbauarten, von denen viele in Österreich und Steyr selbst entstanden sind; keine von diesen kann aber vorerst vollauf befriedigen.
Endlich gelingt es aber dem aus Mainz nach Wien gekommenen Ferdinand Mannlicher, Oberingenieur der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, der sich in seinen Musestunden vielfach gemeinsam mit den Fachleuten der Waffenfabrik mit der — nach seiner Überzeugung nur durch Schaffung eines neuen Gewehrmodells herbeizuführenden — Lösung dieses Problems befaßt, 1886 zu einem militärisch und erzeugungstechnisch befriedigenden Ergebnis zu kommen: Es entsteht das nach Mannlicher benannte Baumuster eines Mehrladegewehrs, das dem Erfinder, seinem Mitarbeiter Josef Schönauer der ausführenden österreichischen Waffenfabrik und dem Heimatland dieser Bauart nicht nur Ruhm und Ansehen, sondern auch erheblichen Gewinn bringt.
Die Herstellung der ersten 5000 Mannlicher Repetiergewehre wird nach eingehender Erprobung der Neukonstruktion von Kaiser Franz Josef am 21. März 1885 genehmigt.
Die nun folgenden großen Bestellungen, bei denen die in weiterer praktischer Erprobung gemachten Erfahrungen verwertet wurden, geben der Waffenfabrik reichlichste Beschäftigung, stellen aber auch erhebliche Anforderungen an sie, da sie die weitere Vergrößerung des Unternehmens, die Anschaffung von rund 800 Spezialmaschinen und die Aufstellung neuer Kraftmaschinen erforderlich machen. Trotz erheblicher Vergrößerung der Arbeiterzahl, die nun auf 9000 gestiegen ist, kann die Wochenleistung von 8000 Gewehren, der erheblichen Mehrarbeit wegen, die die neuen Gewehre verursachen, vorerst
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