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Adolf Bihl
Länge von mehr als 10 km in das Flußbett verlegt werden mußte, wozu umfangreiche Uferschutzbauten notwendig waren. Die beiden Rampenstrecken, die größtenteils an die Hänge des Berges angebaut wurden, verlangten ausgedehnte Sicherungsbauten gegen Rutschung, Schneeverwehung u. dgl. Aus der großen Zahl von Brücken und Viadukten ragt besonders die Trisannabrücke hervor, deren Fahrbahn 87 m über der Talsohle liegt; auch die Wäldlitobelbrücke und der Viadukt über den Schmidttobel sind Meisterwerke der Brückenbaukunst ihrer Zeit. Wenn trotz aller vorhergesehenen und unvorhergesehenen Schwierigkeiten die Bahn in wesentlich kürzerer Zeit als ursprünglich berechnet war, fertiggestellt werden konnte, so ist das den ausgezeichneten Vorbereitungen zu danken, die Lott und seine Mitarbeiter noch vor dem Baubeginn trafen und dann der umsichtigen, jeder Lage gewachsenen Bauleitung.
Am 19. November 1883 konnte die Feier des Durchschlags des Sohlenstollens des Tunnels begangen werden, Ende Mai 1884 Avar der ganze Tunnel betriebsfertig, am 31. August 1884 fuhr der erste Probezug über die Bahn, am 20. September 1884 fand die feierliche Eröffnung der neuen Eisenbahnstrecke durch den Kaiser statt und am nächsten Tag konnte der Gesamtverkehr aufgenommen werden. Gegenüber der von Lott selbst vorher berechneten Eröffnung der Bahn im Sommer 1886 bedeutete das einen ZeitgeAvinn \ T on nahezu zAvei Jahren. Während man zum Bau des 15 km langen Gotthardtunnels eine Bauzeit von Jahren benötigte, Avurde der Arlbergtunnel, der 10248,7 m lang ist, in 4 1 4 Jahren fertiggestellt, einRuhmesblatt für alle beteiligten Ingenieure und Arbeiter, nicht zuletzt für Julius Lott.
Er selbst erlebte die Fertigstellung des Bahnbaues nicht mehr. Im Herbst 1882 besichtigte er zum letztenmal die Arbeiten an Ort und Stelle und traf Avichtige Maßnahmen, dann reiste er Avieder nach Wien zurück. Hier führte er seit einigen Monaten auch noch die Vorarbeiten für den Bau der sogenannten galizischen Transversalbahn durch. Eine schwere Krankheit riß ihn aus allen Arbeiten und Plänen heraus. Im Oktober 1882 mußte er einen Krankenurlaub antreten, von dem er nicht mehr ins Amt und zum Bahnbau zurückkehren sollte. Sein Leiden verschlimmerte sich bald so sehr, daß schon Mitte November ein neuer Mann einstAveilen die Leitung der Baudirektion übernehmen mußte. Lotts schlechter Gesundheitszustand veranlaßte die Regierung, im Dezember 1882 beim Kaiser eine Auszeichnung für ihn zu beantragen, da man erkannte, daß er eine Avohl verdiente Ehrung bei Vollendung der Arlbergbahn doch nicht mehr erleben Avürde. In dem Vortrag des Handelsministers an Kaiser Franz Joseph heißt es, „daß Lott sich von allem Anfang an der übernommenen großen Aufgabe mit besonderer Liebe und mit dem Aufgebot all seines Wissens und Könnens geAvidmet habe. Durch zAveckmäßige verständnisvolle und zielbeAvußt ersonnene Vorkehrungen Avurde es ermöglicht, die Arbeiten an Ort und Stelle in ungeAvöhnlich kurzer Zeit in Atollen Gang'zu setzen. Mit Ausdauer und Energie Avurden die sich vielfältig entgegenstellenden Schwierigkeiten und Hemmnisse bewältigt... und ein unverhofft günstiger Fortschritt der Bauarbeiten erzielt“. In dem gleichem Schriftstück wird Lott als ein „hochbegabter Mann von gediegener fachlicher und allgemeiner Bildung und höchst ehrenwertem Charakter“ geschildert. Am 25. Dezember 1882 erhielt Julius Lott „in Anerkennung der von ihm geleisteten ausgezeichneten Dienste“ vom Kaiser den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse.