Das Werden des Kärntner Blei weiß Verfahrens.
Von
Ing. Dr. Franz Sedlacek, Wien.
Mit 8 Abbildungen.
Unter den Farben, die nicht mehr oder weniger gebrauchsfertig als Erden vorgefunden, sondern erst durch chemische Operationen hergestellt werden, unter den künstlichen Farben also, zählt das basisch kohlensaure Blei oder Bleiweiß zu den ältesten. Aus den frühesten Nachrichten über das Bleiweiß geht hervor, daß es als Schminke benutzt wurde. Thespis, der sagenhafte Schöpfer des griechischen Theaters, soll, ehe er die Theatermaske erfand, die Züge des Schauspielers durch Schminken mit Bleiweiß unkenntlich gemacht haben. 1 Aristophanes, um 400 v. Chr., erwähnt in seiner Komödie „Frauenherrschaft“ das Blei weiß als Schminkmittel, 2 während athenische Gräberfunde, die aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. stammen, zeigen, daß die Farbe in Form runder Plätzchen in den Handel kam. 3 In Ovids fragmentarisch erhaltenem Gedicht „Über die Schönheitsmittel“ heißt es: „Bleiweiß fehle dir nie, noch Schaum vom rötlichen Nitrum“. 4 Der römische Epigrammatiker Martial aber kritisiert die Sitte des Schminkens mit Bleiweiß: „Lycoris, deren Gesicht eine schwärzere Farbe hat als die Maulbeere, wenn sie vom Baume fällt, dünkt sich schön, wenn sie das Gesicht mit Bleiweiß bedeckt“, 5 und ähnlich urteilt noch einundeinhalb Jahrtausende später der berühmte italienische Renaissance- Ingenieur Biringuccio: „Besonders die Frauen müssen dem Blei sehr dankbar sein, denn es läßt sich künstlich in weiße Farbe verwandeln, die, als Schminke aufgetragen, ihren angeborenen dunklen Teint ganz verdeckt. So können sie das Auge der einfältigen Männer täuschen und sehen statt schwarz weiß aus und statt abscheulich, wenn nicht schön, so doch mindestens weniger häßlich.“ 6 Ja, noch die französische Enzyklopädie berichtet um 1770 über die Verwendung von Blei weiß
1 Bieler in Pauly -Wisso was „Realencyclopädie der klass. Altertumswissenschaften“ (2. Serie 1 A ff 2073), nach v. Lippmaxn, Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, 2. Bd., S. 58, Berlin 1919.
2 Ullmann, Enzyklopädie d. techn. Chemie, 2. Bd., S. 680, Berlin—Wien 1915.
3 Neuburger, Die Technik d. Altertums, S. 122, Leipzig 1919.
4 v. Lippmaxn, Abhandlungen und Vorträge, I, S. 128, Leipzig 1906. Aplironitron oder Scliaumnitron, ein kosmetisches Mittel des Altertums, war die in Ägypten gefundene natürliche Soda. Sie war wohl durch Eisensalze gelbrötlich gefärbt.
5 Neuburger, Die Technik des Altertums, S. 122, Leipzig 1919.
6 Birixguccio, Piroteclinia. Übers, und erläutert v. Otto Joiiannsex, S. 60, Braunschweig 1925.
Geschichte der Technik, 5. Heft.
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