Das Werden des Kärntner Bleiweißverfahrens.
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Als dessen Sohn wurde am 2. Oktober 1726 Johann Michael Ritter von Herbert geboren. Angeleitet durch seinen um ein Jahr älteren Bruder Joseph, der, ein vielseitiger Physiker und ausgezeichneter Experimentator, an der damals gegründeten Theresianischen Ritterakademie und später an der Universität zu Wien wirkte, beschäftigte er sich eifrig mit Naturwissenschaften. 1 Auf einer Reise durch Holland und England hat sich Herbert die Kenntnis der holländischen Bleiweißbereitung und wohl überhaupt die Anregung geholt, in seiner bleierzeugenden Heimat Kärnten die Herstellung dieser wichtigen Weißfarbe aufzunehmen. So errichtete er im Jahre 1756 in Klagenfurt die erste Bleiweiß- und Bleizuckerfabrik seines Vaterlandes. 2 In dieser Fabrik wurden, anfangs nach der alten holländischen Methode, die damals üblichen Bleiweißsorten in Stücken und Broten, sowie auch als Schababfälle oder „Schabach“ erzeugt.
Später bürgerte sich in den österreichischen Fabriken die Herstellung von vier Blei weißsorten ein: „Kremserweiß“ hieß das reine Bleiweiß, während „Venezianer Bleiweiß“, „Hamburgerweiß“ und „Holländerweiß“ die Sorten bezeich- nete, die mit einem, zwei und drei Teilen Schwerspat verschnitten waren. 3
Maria Theresia erkannte und würdigte die Bedeutung des in ihrem Reich neu begründeten Industriezweiges. Sie besichtigte einst auf der Durchreise das Werk, sie ehrte dessen Gründer, indem sie ihn 1767 in den Ereiherrnstand erhob, vor allem aber erteilte sie der Fabrik die wertvolle Begünstigung, das ärarische Blei aus Bleiberg in Kärnten zumGestehungspreis beziehen zu dürfen.
Abb. 3. Franz Paul Freiherr von Herbert, 1759-1811. *
Nach einem Ölgemälde.
1 Vgl. Joseph von Herbert. Biographische Skizze. Carintliia, 28. Jg., Klagenfurt 1838, S. 4—5.
2 Als Gründungsjahr wird vielfach 1759 angegeben. E. Herbert-Kerchnawe (Die Bleiweißfabrikation in Österreich, S. 4) bezeichnet 1756 als urkundlich nachgewiesen. — Dieser Schrift sind auch die meisten der folgenden, sowohl technischen als biographischen Angaben, soweit keine anderen Quellen genannt sind, entnommen.
3 Preciitl, Technolog. Encyclopädie, Stuttgart 1830, 2. Bd., S. 462. — Die Herkunft des Namens „Kremserweiß“ ist nicht ganz geklärt. Während .kurzer Zeit, nämlich von 1774 bis 1786, bestand im Alauntale bei Krems eine Bleiweißfabrik, die „Kremserweiß“ herstellte (Dr. Hans Plöckixger, „Der Ruhm des Kremser Namens. . . . “, Amtl. Zeitschr. der Wa- cliauer und Waldviertier Ausstellung, 6.—24. Sept. 1924. Sonderfolge der Landzeitung, S. 5). — Nach anderer Ansicht wurde ursprünglich eine bei Krems gefundene weiße Erdfarbe mit diesem Namen bezeichnet, der später auf Bleiweiß überging (E. Herbert-Kerciinawe, Die Bleiweißfabrikation in Österreich, S. 4). Die irrige Bezeichnung „Kremnitzerweiß“ rührt davon her, daß Mineralogen und Technikern die ungarische Bergwerksstadt Kremnitz bekannter war als die Donaustadt Krems (Dictionnaire teclinologique ou nouveau dictionnaire universel des arts et metiers. Paris 1823, Artikel „Ceruse“, S. 289). Venezianer- und Hamburgerweiß waren nicht nach Herstellungsorten, sondern nach den Handelsplätzen so benannt.