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Franz Sedlacek
Man behielt indessen das alte holländische Verfahren, die „Mistloogen-Kalzi- nation“ in Kärnten nicht unverändert hei, sondern trachtete, es zu verbessern. Der älteste Sohn und Nachfolger Herberts war es, der dem Verfahren eine dem Großbetrieb besser entsprechende Form gab.
Franz Paul Freiherr vont Herbert wurde am 25. März 1759 zu Klagenfurt geboren. Er betrieb chemische Studien und übernahm 1781 die Klagenfurter Fabrik seines Vaters. Seine eigentümliche Doppelnatur zwischen praktischem Industriellen und philosophiebegeistertem Freund der Musen ließ ihn 1790 seiner Fabrik und Familie den Rücken kehren und nach Jena reisen, wo er, im Kreise Schillers und seiner Freunde, insbesondere des Schwiegersohns Wielands, des Philosophen Reinhold, lebte und sich der Kantschen Philosophie ergab. Im folgenden Jahre aber kehrte er in die Heimat zurück, und nun trat wieder die industrielle Tätigkeit in ihre Rechte. Herbert errichtete 1792 zu Wolfsberg im Lavanttal eine zweite Bleiweißfabrik, in welcher bereits nach der neuen Art gearbeitet wurde.
Die erste wichtige Neuerung betraf den einen der Rohstoffe, den Essig. An die Stelle des sauren Bieres setzte Herbert Obstmostessig, ein Erzeugnis also, das unmittelbar das umgebende Land lieferte. Um aber die Beschaffung dieses Rohstoffs sicherzustellen, erwarb er ein Bauerngut am Fuße der Saualpe und errichtete dort einen großen Obstgarten nebst einer Baumschule, der ersten in jener Gegend.
Welche Bedeutung diese Maßnahmen gehabt haben mußten, geht aus der Angabe hervor, daß trotz der Billigkeit des Obstmosts der jeweils in Tätigkeit stehende „Essigstoff“ gerade doppelt so viel kostete, wie die ihm entsprechende Bleimenge. 1
Das neue Verfahren wurde folgendermaßen betrieben. Man ersetzte die kleinen zerbrechlichen Holländertöpfe durch Gefäße, die einem Großbetrieb besser entsprachen, nämlich stehende, bis zu 6001 fassende Holzfässer mit abnehmbarem Oberboden. Ein waagrechtes Holzkreuz im Innern, etwa in halber Faßhöhe, trug das in dünne, spiralige Streifen geschnittene Blei. Darunter war ein zweites Holzkreuz eingesetzt, das einen geflochtenen Binsenkorb trug, der das niederfallende Blei weiß aufzufangen hatte. Gegen die Gefahr der Bräunung durch Berührung mit der Faßwand war das Bleiweiß durch ein rundum laufendes, vom Deckel herabhängendes Leinentuch geschützt.
Der untere Teil des Fasses enthielt den gärenden Obstmost, welcher die für die Zersetzung des Metalls nötigen Gase und Dämpfe, Essigsäure, Kohlensäure und Wasserdampf, zu liefern hatte. Ein Fülltrichter nahe über dem Flüssigkeitsspiegel diente zur Ergänzung des Mostes. Ein Faß enthielt etwa 150 1 Most und 15 kg Blei.
Die so beschickten Fässer standen in Reihen nebeneinander auf Holzbühnen, die an den Wänden einer langen Stube, der „Kammer“, entlangliefen. Die Wolfsberger Fabrik besaß Ende 1794 22 solcher Kammern mit je 60 Fässern. Bei vollem Betrieb entspräche dies einer jeweiligen Verarbeitung von 20.000 kg Blei mit 2000 hl Essig.
Völlig geändert gegenüber dem Holländer verfahren wurde die Art der Heizung. An die Stelle der biologischen Heizmethode des Mistbades trat eine außerhalb der
1 E. IIerbert-Kerciixawe, Die Bleiweißfabrikation in Österreich, 8. 7, Wien 1898.