Aufsatz 
Das Werden des Kärntner Bleiweißverfahrens / von Franz Sedlacek
Entstehung
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Das Werden des Kärntner Bleiweiß Verfahrens.

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Kammer liegende Feuerung mit gemauerten Heizkanälen, die unter den Holzbiihnen entlangliefen und die Kammern auf einer Temperatur von 30° C hielten.

Diese Ausschaltung des Mistbades hatte einen großen Vorteil. Da der gärende Mist ja nicht nur Wärme und Kohlensäure lieferte, sondern leicht auch Schwefel­wasserstoff hervorbringen konnte, bestand stets die Gefahr der Schwärzung der Farbe durch Sulfidbildung. Berzelius gibt an, daß aus diesem Grunde das Holländer­bleiweiß nie ganz rein weiß erhalten werde. 1

Diese neue Methode der Bleiweißbereitung wird in den technologischen Werken zum Unterschied vom alten Holländer verfahren, sowie auch von den späteren Prozessen, dem französischen Niederschlagsverfahren Thenards und dem englischen Verfahren von Benson und Gossage das Kärntner, österreichische, süddeutsche oder deutsche Verfahren, auch die Stuben- oder Kammerkalzination genannt.

Die holländische Mistloogenkalzination ist ein Beispiel dafür, daß eine klein­technische Methode, in Großbetrieben durchgeführt, noch kein großtechnisches Verfahren ergibt. Das Beschicken und Entleeren der zahlreichen kleinen, zerbrech­lichen Gefäße, ihr Einbau in einen riesigen Misthaufen, in dessen Innern die Tem­peratur nicht immer zu beherrschen war, da leicht Überhitzungen eintreten konnten, diese Übertragung einer, man könnte sagen, alchemistischen Arbeitsmethode ins Große durch bloße Häufung war kein großtechnisches Verfahren. Dazu mußte der alte Prozeß apparativ und heiztechnisch umgebildet werden und dies hat Franz Paul Freiherr von Herbert mit glücklichster Hand durchgeführt.

Im Jahre 1806 wurde in der Wolfsberger Fabrik dieses Verfahren dadurch vereinfacht und verbilligt, daß man anstatt der stehenden Fässer längliche Holz­kisten von 160 zu 40 cm und 30 cm Tiefe einführte. Die wie beim Holländer verfahren gegossenen dünnen Bleitafeln bog man in der Mitte um und hängte sie über hölzerne Stäbe nebeneinander in diese Kisten. Der Boden, durch Ausgießen mit Pech wasser­dicht gemacht, enthielt den Obstessig, dem man getrocknete Weinbeeren, Honig, Johannisbrot, Zwetschken u. dgl. zusetzte, zuckerhaltige Stoffe, die einer alkoholi­schen und somit Kohlensäure liefernden Gärung fähig waren. Diese Kisten wurden in den früher beschriebenen Kammern über dem Heizkanal auf gestellt, auch über­einandergeschichtet, wobei man gehörige Zwischenräume für die Luftbewegung freihielt. Nach Prechtl dauerte die Bleiweißbildung bei einer Temperatur von 40 bis 50° C 8 bis 10 Tage. 2

Auch das Gießen der Bleiplatten wurde vereinfacht. Man goß das Blei auf kalte Eisenblechplatten aus, neigte diese, damit der Überschuß wieder abfloß und erhielt so 1 / 2 mm dünne, rauhe Bleibleche, die sich gut zur Kalzination eigneten.

Zum Schlämmen der Farbe diente eine hölzerne Kufe, die durch verschieden hohe Scheidewände in mehrere Zellen geteilt war. Das eingegossene Schlämmwasser floß von Zelle zu Zelle über, setzte in jeder Bleiweiß ab, in der ersten das gröbste, in der letzten das feinste.

Als Beimischung zu den gewöhnlichen Bleiweißsorten wurde Kreide und Gips, seit 1806 aber auch Schwerspat verwendet, der sich nunmehr als der geeignetste

1 J. J. Berzelius, Lehrbuch der Chemie, übersetzt von Wöhler, 2. Bd., S. 819, Dresden 1826.

2 Prechtl, Technologische Encyclopädie, 2. Bd., S. 460, Stuttgart 1830.