Aufsatz 
Das Werden des Kärntner Bleiweißverfahrens / von Franz Sedlacek
Entstehung
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Franz Sedlacek

In England hatte man sich schon eher vom holländischen Verfahren losgemacht. Nach Prechtl war um 1830 in den meisten englischen Fabriken das mit recht­eckigen Kisten arbeitende österreichische Bleiweißverfahren eingeführt. 1

In den Vierzigerjahren erst nahm die Bleiweißfabrikation in Deutschland einen neuen Aufschwung, vor allem durch das von Gustav Dietel in Eisenach 1839 eingeführtedeutsche Kammerverfahren, 2 das jedoch eine Nachbildung des fast zwei Jahrzehnte vorher in den HERBERTschen Fabriken entstandenen, oben be­schriebenen Kärntner Kammer Verfahrens ist.

Am 31. Oktober 1834 starb, erst 47jährig, Albin Freiherr von Herbert. Für die damals minderjährigen Söhne führte zunächst die Witwe, unterstützt von einem Verwandten, Anton Ritter von Moro, die Leitung der Unternehmungen. Der ältere der beiden Söhne, Paul Freiherr von Herbert, hörte in Wien bei Meissner und später in Berlin bei Rose und Mitscherlich chemische Vorlesungen und übernahm hierauf die technische Leitung der Fabriken. Sein Freund und Erzieher, Johann Prettner, der schon während seiner Studienzeit sein Begleiter gewesen war, wurde sein Mitarbeiter. Der jüngere Sohn, Edmund, wandte sich der kaufmännischen Leitung der Firma zu.

War auch, wie schon gesagt wurde, das Kärntner Bleiweißverfahren nun appa­rativ so entwickelt, daß es jahrzehntelang keiner nennenswerten Verbesserung be­durfte, so fällt doch in diese Zeit eine wichtige Neuerung in der Rohstoffversorgung, der Ersatz des zu teuren, aus Früchten hergestellten Gärungsessigs durch Holz­essigsäure .

Auf die Verwendung von Holzessig zur Bleiweißbereitung hatten die Brüder Anton und Eugen Emperger in Graz im Jahre 1819 ein sechsjähriges ausschließ­liches Privileg erhalten. 3 Ihr Verfahren war jedoch kein Korrosions-, sondern ein Fällungsprozeß und beruhte darauf, daß aus einer Auflösung von Bleiglätte in ge­reinigtem Holzessig durch Zusatz von kohlensaurem Ammonium Karbonat gefällt wurde. 4 Nach von Kees hat auch Professsor Jasnüger in Wien Bleiweiß mit Hilfe von Holzessig bereitet. 5

Als die Versuche, den Korrosionsprozeß mit Holzessig durchzuführen, in den HERBERTschen Fabriken gute Resultate ergeben hatten, stellte man die Fabrikation völlig auf diese Grundlage. Zur Gewinnung des Holzessigs wurden in Klagenfurt und in Wolfsberg Holzverkohlungsanlagen geschaffen. Damit war wieder, wie bei der Verarbeitung von Obstessig, die Fabrikation auf Erzeugnisse des Landes ein­gestellt: Das Holz der Wälder Kärntens lieferte Essigsäure und zugleich die Holz­kohle, die dann zu Kohlensäure verbrannt wurde.

Erst im Jahre 1870 wurde der Bleiweißprozeß selbst neuerlich umgestaltet. Ernst Herbert-Kerchnawe, der Adoptivsohn des Barons Paul Herbert und

1 Prechtl, Technologische Encyclopndie, 2. Bd., S. 457, Stuttgart 1830.

2 Ullmaxx, Enzyklopädie der technischen Chemie, 2. Bd., S. 681, BerlinWien 1915.

3 Stephax v. Kees, Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens im österr. Kaiser­staate, 2. Teil, 2. Bd., S. 986, Wien 1823.

4 A. Chr. Gaussler, Die Geheimnisse der Bleiweißfabrication, Quedlinburg und Leipzig 1832, S. 13.

5 Stephan v. Kees, Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens im österr. Kaiser­staate, 2. Teil, 2. Bd., S. 986, Wien 1823.