Das Werden des Kärntner Bleiweiß Verfahrens.
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technische Direktor der Fabriken, war es, der das bisher ausgeübte Verfahren zum Dampfkammerprozeß ausbaute.
Das zu dünnen Platten gegossene Blei wurde in großen, von Holzwänden umgebenen, gut lüftbaren Kammern aufgehängt. Eine Kammer faßte 10.000 bis 15.000 kg Blei. Eine außerhalb der Kammer angeordnete Dampfheizung entwickelte sekundär Essigdampf und schickte diesen sowie nach Bedarf Wasserdampf durch Rohrleitungen und Holzkanäle in das Innere der Bleiweißkammer. Die für die Umsetzung nötige Kohlensäure wurde durch Verbrennen von Holzkohle erzeugt. Doppeltüren und Fenster gestatteten, die Bleiweißbildung von außen zu beobachten und zu regeln. In 6 bis 8 Wochen war die Zersetzung der Bleiplatten beendet und das Rohbleiweiß konnte weiter verarbeitet werden.
Auch die Trocknerei sowie die Schlämm- und Mahl Vorrichtungen wurden damals neugestaltet, wobei besonders auf den Schutz der Arbeiter gegen Gesundheitsschäden Bedacht genommen wurde.
Zur Firmengeschichte, deren eingehende Behandlung ja nicht der Zweck dieser Arbeit ist, sei nur noch bemerkt, daß das fast einundeinhalb Jahrhunderte alte HERBERTsche Unternehmen mit den beiden Fabriken in Klagenfurt und Wolfsberg am 13. Mai 1900 von der Bleiberger Bergwerks-Union übernommen wurde.
Das Dampfkammerverfahren nach Her- g |_| er b er f «erchnawe
bert-Kerchnawe, also die Korrosion von in 1842-1907.
Kammern aufgehängten Bleiplatten mit Essig- Nach einem Ölgemälde.
dampf, Wasserdampf und Kohlensäure wird
unter Verwendung moderner Hilfsmittel, die vor allem auch der Verarbeitung des in den Kammern entstehenden Rohbleiweißes, dem Auflockern, Sieben, Schlämmen, Mischen, Filtrieren, Trocknen, Mahlen und Verpacken dienen, noch heute von der genannten Firma ausgeübt. 1
So haben die Angehörigen des verdienstvollen Geschlechts der Freiherren von Herbert, dessen Vorfahr, einst aus dem Westen gekommen, sich im Südosten des deutschen Raumes niederließ, in ihrer neuen Heimat eine neue Industrie geschaffen. Während man anderwärts noch bis in späte Zeiten starr und kritiklos am Althergebrachten festhielt, wurde in Kärnten frühzeitig ein technisch richtiges Verfahren der Bleiweißerzeugung entwickelt, das, an die Wirtschaft des Landes angepaßt und apparativ allen zeitgenössischen Arbeitsweisen überlegen, Erzeugnisse hervor brachte, die alsbald Weltruf erlangten. Und noch heute wird das Kärntner Bleiweißverfahren, das das Geschlecht seiner Schöpfer überdauerte, in moderner Gestaltung mit Erfolg betrieben.
1 Eine Beschreibung der in Kärnten üblichen Bleiweißfabrikation nach dem Stande von 1938 verdankt der Verfasser der Bleiberger Bergwerks-Union in Klagenfurt.
Abb. 8. Ernst Herbert-Kerchnawe, 1842-1907.
Nach einem Ölgemälde.