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G. Strele
1748 nicht mehr möglich war, den Wildbach in seinem sich immer mehr erhöhenden Bett zu erhalten, faßten die Bewohner der beiden Ortschaften den gemeinsamen Beschluß, um das größere Caldonazzo zu retten, die am rechten Bachufer gelegene, aus 60 Häusern bestehende Fraktion Caorzo preiszugeben und den Centabach über diese längs der Berglehne zur Brenta abzuleiten. Dieser Beschluß kam in den Jahren 1758 und 1759 auch zur Ausführung. 8
Diese Beispiele alter Verbauungsanlagen, denen sich noch zahlreiche andere anreihen ließen, beweisen, daß man in Tirol den Kampf mit den Wildbächen schon vor langer Zeit und wohl früher als in den anderen Ländern tatkräftig und zielbewußt aufgenommen hat. 4 Doch sind auch anderwärts einzelne Arbeiten an Wildbächen ausgeführt worden. So wurde z. B. um 1570 eine mächtige Schutzmauer am Kirchbach in Hofgastein durch die dortigen Bürger und Gewerken errichtet, 9 und im Jahre 1590 wurde der „grob muelpach“ aus der Ortschaft Niedernsill, im Pinzgau, gegen Osten abgeleitet. 10
Die großen Hochwässer, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts über Tirol herein brachen, lenkten die Aufmerksamkeit immer mehr auf die verderbliche Wirkung der Geschiebeführung der Wildbäche. Nachdem schon im Jahre 1778 Dr. Franz von Zallinger zum Thurn, Professor an der Universität in Innsbruck, in seinem Büchlein „De inundatione“, welches im folgenden Jahr unter dem Titel „Von den Überschwemmungen in Tyrol“ auch in deutscher Sprache erschien, verschiedene Maßnahmen an den Bächen und Flüssen sowie die Schonung der Wälder empfohlen hatte, erließ am 9. Mai 1788 der Gouverneur Wenzel Graf Sauer einen Aufruf, in dem er die Bevölkerung zur Ausführung von Schutzvorkehrungen an den Bächen und zur Vorsicht bei der Bewirtschaftung der Waldungen und sonstigen Grundstücke in den Sammelgebieten der Wildbäche auf forderte. 11 Es scheint jedoch, daß auch dieser Aufruf nicht viel gefruchtet habe.
Veranlaßt durch die Murgänge, die im Jahre 1807 mehrere Orte Nordtirols verheert hatten, schrieb Georg Freiherr von Aretin, Wasserbaudirektor der Provinz Tirol unter der bayrischen Regierung, im Jahre 1808 seine Abhandlung „Über Bergfälle und die Mittel, denselben vorzubeugen oder wenigstens ihre Schädlichkeit zu vermindern mit vorzüglicher Rücksicht auf Tyrol“, in der er als erster deutscher Schriftsteller die Bedeutung der Verbauungsmaßnahmen im Sammelgebiet der Wildbäche in richtiger Weise betonte, allerdings ohne sich in technische Details einzulassen und mehr als allgemein gehaltene Empfehlungen zu geben.
Erst der tirolische Baudirektionsadjunkt Josef Duile gab in seinem berühmt gewordenen Werkchen „Über Verbauung der Wildbäche in Gebirgsländern“ im Jahre 1826 eingehende technische Anleitungen zur Ausführung von Verbauungen und sonstigen Maßnahmen zur Beruhigung der Wildbäche. Er muß als der eigentliche Altmeister der Wildbachverbauung und seine Schrift als das erste Lehrbuch derselben bezeichnet werden. Duile hat auf die zu seiner Zeit in Tirol ausgeführten Verbauungsarbeiten maßgebenden Einfluß genommen und war auch der Lehrmeister der Schweizer: im Jahre 1841 wurde er als sachkundiger Berater in den Kanton Glarus gerufen und gab die ersten Anleitungen für die Ausführung der dortigen Wildbachverbauungen. 12