Die Entwicklung der Wildbachverbauung in Österreich.
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Seckendorff die Regierung auf die erzielten außerordentlich günstigen Erfolge aufmerksam zu machen und die Einleitung einer gleichartigen systematischen Tätigkeit in Österreich anzuregen. Durch seine literarischen Arbeiten und durch zahlreiche Vorträge wußte Seckendorff das Interesse für die Wildbachverbauung zu wecken und das Verständnis für ihre Wichtigkeit zu heben; er wurde einer der Bahnbrecher der Wildbachverbauung in Österreich. 11 *
Schon im Wintersemester 1879/80 hielt er einschlägige Vorlesungen an der Hochschule für Bodenkultur, aber erst fünf Jahre später erhielt er einen bezüglichen Lehrauftrag.
Über seine Anregung und unter seiner Führung trat im Juni 1883 der Ackerbau - minister Julius Graf Falkenhayn eine Reise nach Südfrankreich an, um die dortigen Verbauungen kennenzulernen und daraus die Nutzanwendung für Österreich zu ziehen. Auf der Rückreise wurden dann die Verheerungen besichtigt, die das Hochwasser des Jahres 1882 in Südtirol und Kärnten angerichtet hatte. 5 » 23
Schon vorher hatte die Regierung im Parlament zwei Gesetzentwürfe eingebracht, deren erster die „Förderung der Landeskultur auf dem Gebiete des Wasserbaues“ betraf und die Bildung eines staatlichen Meliorationsfonds zwecks Sicherstellung der Mittel für die Durchführung von Wasserschutzbauten und Meliorationen vorsah. Diesem Fonds floß zunächst ein Staatsbeitrag von jährlich 500.000 fl. zu, der später erhöht wurde. Jedes aus diesem Fonds unterstützte Unternehmen mußte landesgesetzlich geregelt werden. Der zweite Gesetzentwurf, betreffend die „unschädliche Ableitung der Gebirgswässer“, hatte den Zweck, eine gesetzliche Grundlage für die Ausführung der Wildbachverbauungsarbeiten und für die zu diesem Zweck notwendigen Enteignungen und sonstigen Eigentumsbeschränkungen zu schaffen und war den einschlägigen französischen Gesetzen nachgebildet, jedoch den österreichischen Verhältnissena angepaßt. Diese beiden Gesetzentwürfe wurden vom Parlament angenommen und am 30. Juni 1884 als Gesetze kundgemacht. Sie bilden die Grundlage für den Wildbach verbauungsdienst in Österreich. 11 » 24
Das französische Vorbild und die in Südtirol unter forstlicher Leitung erzielten Erfolge, ferner die Notwendigkeit, die baulichen Maßnahmen in den Wildbachgebieten durch Aufforstungen und andere kulturelle Maßnahmen zu ergänzen und zu sichern, bewogen die Regierung, die Verbauungsarbeiten in Österreich ebenfalls Fortsttechnikern zu übertragen. Um diesen Gelegenheit zu geben, die Verbauungsarbeiten und deren Betrieb kennenzulernen und diesen in Österreich in ähnlicher Weise einzurichten, entsandte im Frühjahr 1884 das Ackerbauministerium 15 Forsttechniker unter Führung seines forsttechnischen Referenten, des Oberforstrates Johann Salzer, zu einer Studienreise in die Wildbachgebiete Frankreichs. 25
Mit Erlaß des Ackerbauministeriums vom 5. Juni 1884 wurde sodann die forsttechnische Abteilung für Wildbachverbauungen in unmittelbarer Unterstellung
* Dr. Arthur Freiherr von Seckendorff-Gudent, geh. am 1. Juli 1845 in Schweizerhalle nächst Basel, Professor an der Hochschule für Bodenkultur in Wien, Vorstand der Zentralanstalt für das forstliche Versuchswesen in Mariabrunn, organisierte diesen Dienst in Österreich und entfaltete eine emsige forstlich-literarische Tätigkeit. Infolge eines schweren geistigen und körperlichen Leidens setzte er am 29. November 1886 seinem Leben ein frühes Ziel.