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Franz Kirnbaueb
Stengel bezeichnet werden, er ist vielmehr das von Goethe gesuchte Urphäno- men, der Urkörper, die Urainheit, der Typus. Die ganze Pflanze ist daher die mehrfache Wiederholung des ersten Knotens in verschiedener Steigerung und Vervollkommnung (Progression). An dieser Progression wirken verschiedene gleichfalls nur in der Idee faßbare Tendenzen mit. 1. Die Tendenz der Polarität: das Grundorgan ist im Innern entzweit zu denken, das getrennte sucht sie und bringt durch Verbindung mit der gesteigerten Seite ein Neues und Höheres hervor; 2. die Tendenz der Ausdehnung und der Zusammen Ziehung; 3. die Vertikaltendenz, die sich im Wachstum in die Höhe äußert; 4. die Spiraltendenz, die sich im sdhrauibigen Wachstum um die Vertikale herum dartut; 5. die Tendenz der geschlechtlichen Zwitterbildung (Androgymie), die durch die Verbindung der männlichen Vertikaltendenz mit der weiblichen Spiraltendenz entsteht.
Auf diese Weise bildet sich nicht nur jedes Organ einer Samenpflanze, sondern auch dessen besondere Form, die dem System zugrunde liegt. Jede Art entsteht durch Metamorphose des Grundorgans unmittelbar. So konnten, solange es Leben gibt, in der Vorzeit wie in der Jetztzeit Arten entstehen, aber die Art geht nicht aus der Art hervor. Das Grundorgan (Urphämomen) beruht in seiner Wirkung auf der ewigen Bewegung des Urwesens.
Die auf die Konstitution bezügliche Betrachtung ist eine Lehre für sich und wird von Goethe als Morphologie (Gestaltlehre) bezeichnet. Die GoETHEsohe Morphologie ist ihrer Ansicht und Methode nach ureigenstes GoETHEsches Gedankengut. Die Phänomene entnimmt sie der Naturwissenschaft, aber sie will nicht Prozesse, sondern Ideen darstellen. Lange Zeit galt Goethe auch als Erfinder des Wortes Morphologie, doch haben neuere Forschungen gezeigt, daß es von anderen schon einige Jahre vorher benutzt worden ist. Trotzdem bleibt der Name Goethes mit der Morphologie untrennbar verknüpft. Es muß bloß darauf bingewiesen weiden, daß die GoETHEsche Morphologie mit dem, was wir heute Morphologie nennen, nicht ganz identisch ist.
Abschließend darf zum Abschnitt Biologie und über Goethes botanische Studien noch folgendes gesagt werden: In der Naturforschenden Gesellschaft zu Jena fand die erste entscheidende Begegnung Goethes mit Schiller statt. Der Begründer der Gesellschaft war der Botaniker August Johann Georg Carl Bätsch (1761—1802), der die Metamorphoseulehre Goethes, die dieser laufend mit ihm besprach, in seinen Vorlesungen brachte. Der Botaniker Christian Gottfried Nees v. Esenbeck (1776—1858) baute Goethes Metamorphosenlehre weiter aus und suchte sie auch auf die anderen Pflanzen anzuwenden. Im Jahre 1821 benannte er eine neu aus Brasilien eingeführte Pflanzengattung mit dem Namen Goethea, um dadurch nach wissenschaftlichem Brauch seine Hochachtung vor Goethes botanischen Studien ‘auszudrücken.
Jene erste denkwürdige Unterredung Goethes mit Schiller in der Jenaer „Naturforschenden Gesellschaft“ ist übrigens erwähnenswert. Goethe versuchte, das Wesen der Metamorphose als unmittelbare Erfahrung zu erklären und zeichnete das Bild einer Urpflanze auf, worauf Schiller den Kopf schüttelte und sagte: „Das ist 'keine Erfahrung, das ist eine Idee“ (Bild 3). Goethe erwiderte ihm: „Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und