Goethe, Naturwissenschaften und Technik.
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die Einheitlichkeit der Natur zu erweisen. Trotzdem verehrte Goethe Linne außerordentlich. In der Geschichte seiner botanischen Studien erzählt der Dichter, daß die Philosophia bofcanica LimnEs sein tägliches Studium war und sagt: „Vorläufig will ich bekennen, daß nach Shakespeare und Spinoza auf mich die größte Wirkung von Linne ausgegangen.“ So entstand in Goethes Geist die Vorstellung von der Urpflanze, als die einer Schöpfungsidee. Diese Urpflanze sollte mit verschiedenen Grundgebilden ausgestattet gewesen sein, deren Metamorphose er in seinem „Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“ (1700), darlegte.
Um ihn besonderen die Metamorphosenlehre Goethes kurz darzutun, ist folgendes zu erläutern: Wenn man eine einjährige Blütenpflanze von der Samen-, keimung bis zur Fruehtreife betrachtet, so sieht man an ihr eine Folge verschiedener Glieder, wie Wurzel, Stengel, Blatt, Kelch, Blumenkrone, Staubgefäß. Fruchtknoten, Samen. Diese Glieder oder Organe, wie man sie nennt, haben zwei Eigentümlichkeiten. Einmal sind sie nicht eine einfache Aneinanderreihung oder Summe von vorher fertigen Teilen, die sprunghaft wechseln, sondern sie zeigen oft ineinander übergehende Umwandlungen. Zum andern kann an jedem Glied unter dem Einfluß äußerer Faktoren, wie Licht, Dunkelheit, Feuchtigkeit, Trok- kenhe.it, sich ein Organ, Wurzel, Blatt, oder sogar eine ganze Pflanze entwickeln. Daraus zog Goethe die wichtige Folgerung, daß jedes Organ 1. an und aus dem andern sich entwickeln kann, 2. trotz äußerer Unähnlichkeit innere Gleichheit besitzt, 3. die Anlage zum Ganzsedn hat. Auf der Einwirkung der äußeren Umstände, die die Organe umbilden, Modifikation, und auf der inneren Konstitution beruht alle Bildung und Umbildung oder Metamorphose.
Die Konstitution sucht das Innere, virtuell Gleiche zu erfassen, von dem die Modifikationen nur die Scheinveränderungen sind. Dieses Innere ist nicht eine einzelne Einheit, sondern eine ganzheitlich bezogene Einheit von selbst Einheitsganzem. Der Charakter dieser Gleichsamteile als Grundorgan kann aber nicht mehr physisch-kausal erklärt, sondern nur als allgemeine Gestalt, Muster oder Typus, seiend und werdend in Stufen gedacht und in diesen Stufen als Ganzes anschauend dargestellt werden, indem man das Einzelne aufhebt, ohne den Eindruck des Ganzen zu zerstören. Man muß einerseits die hervorbringende Einbildungskraft oder produktive Phantasie des Künstlers zu Hilfe nehmen, um die Einheit des Ganzen in der Idee amzuschauen, also kunstgemäß verfahren, anderseits damit möglichste Realität verbinden, um naturgemäß zu bleiben. Das eine bedeutet: einen idea len U rk ö rpe r suchen, der nach und nach in verschiedenen Stufen ausgeibildet gedacht wird. Das andere heißt: in der Pflanze einen lebenden Punkt suchen, einen Lebenspunkt, der ewig seinesgleichen ibervorbringt, und dazu die „Zwischenpunkte“ suchen. Verbindet man so die reale Aufbaübetrach- tung mit genetischer ideeller Behandlung, so stellen sich an der keimenden Pflanze als der erste Löbenspunkt der Wurzelpunkt und als erster Zwischenpunkt der Keimiblattpunikt dar. Diese zusammen bilden den ersten „Knoten“. Er hat zu seiner Begleitung außer der Wurzel ein Blatt, hier das Keimblatt, und eine Blattknospe (Auge) in deren Nähe. Dieser Gestaltkomplex bildet das Grundorgan, aus dessen Folge die Pflanze ihre Gestalt aufbaut. Er darf weder als Blatt noch als
Technikgeschichte, 11. Heft.
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