Aufsatz 
Goethe, Naturwissenschaften und Technik / von Franz Kirnbauer
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Franz Kirnbauer

um 1780 (unter Führung Campers dem Menschen dien Zwischenkäufer ab. Das lag nicht nur an der(beschreibenden Einstellung au einer Zeit, in der die ver­gleichende Anatomie noch kaum zum Auffinden maskierter Übereinstimmungen, sogenannter Homologien, vorgeschritten war, sondern auch an einer, die Unter­schiede zwischen Mensch und Affe betonenden Opposition gegen Schriftsteller, die sie verwischen wollten. Goethe hatte Sinn für die Lehre von der Einheit des Bauplans der Natur und war durch Herder und Merck für die Problemlage interessiert worden. Er suchte und fand die Niahtreste und teilte seine Feststellung den zeitgenössischen Anatomen um die Wende von 1784/85 mit. Diese stimmten zum größeren Teil der Beobachtung Goethes zu.Nach vieljährigem Zaudern ließ Goethe jedoch erst 1820 seine Arbeit über den Zwischenkieferknochen drucken. Fragen der Priorität der Entdeckung Goethes gegenüber dem Fran­zosen Vicq-dAzyr, der 1780 seine Untersuchung über den Zwischenkiefer in der Pariser Akademie schon vorgelesen haben soll, traten später auf, auch wurde versucht, den Wert der wissenschaftlichen Arbeit Goethes in dieser Frage her- abzusetzen. Nach dem gegenwärtigen Stand der Auffassungen bleibt aber die selbständige, von Vicq-dAzyr unabhängige Entdeckung des Zwischenikiefer- knochens durch Goethe einwandfrei bestehen. Zudem ist Goethe nicht weniger als folgendes noch zuzuerkennen: Nachweis des Zwischenkiefers auch bei Elefant und Wal; Erkennung des Zwischenkiefers und der zuvor falsch gedeuteten Sohneidezähne bei Dromedar und Walroß sowie des Zwischenkiefers bei Am­phibien und Fischen.

Goethes 'Streben, bei den Tieren ebenso wie bei den Pflanzen den Urmodellen der Schöpfung auf die Spur zu kommen, führte ihn im Jahre 1790 auf die er­wähnteWirbeltheorie des Schädels. Diese hat zwar heute alle Bedeutung ver­loren, zeigt uns aber deutlich das Mühen Goethes, nach einfachen Grundgesetzen zu forschen, nach denen sich die Natur ihre Gestalten gebildet habe. Diesem Streben entsprang auch der Wunsch, sozusagen das Menschliche sogar im Vogel wiederzufinden. Im GoETHE-Museum in Weimar konnte man noch die Samm­lung von Vogelskeletten, wie sie Goethe hinterlassen hat, sehen. Da stehen die Vogelskelette in menschlicher Haltung mit gestreckten Abschnitten der Hinter­beine und der Flügel. Auch aus ihnen geht der alle Naturstudien Goethes durch­ziehende (Drang nach Vergleichung und Vereinheitlichung in (ausdrucksvoller Weise hervor.

Goethe ist durch den Einfluß Herders zum intensiveren Nuturstudium (ge­führt worden. Die Philosophie Spinozas, der Goethe dem Wesen nach wohl stets treu bliieb, hatte ihn zu der Vorstellung von der EinheitGott-Natur ge­führt. Goethe erkannte :iim Universum, ja, in jedem Individuum ein Unerforsch- lidhes am; nicht als Anhänger der Lehre Kants, sondern als Dichter, wie seine ganze Entwicklung uns gezeigt hat. Seine Erkenntnis der Schranken des In­tellektes waren nur der Reflex seines ganzen lebendigen Verhaltens. Er sann als ein Poet über die Welt. Am nächsten standen ihm Shaftesbury und Herder, weil deren Verhalten dem seimigen verwandt war.

Der streng (zergliedernden Methode der damaligen Naturforschung unter Führung 'LinNes suchte Goethe die Synthese entgegenzustellen und durch sie