52
Viktor Schützenhofer
die unhaltbaren Behauptungen Stephensons in treffendster Weise, wobei fest- gehalten werden soll, daß einerseits die gegensätzliche Haltung der damaligen englischen Regierung, anderseits das Bestreben Stephensons, einen von ihm projektierten Bahnbau an Stelle des Kanalbaus durchzusetzen, die eigentlichen Beweggründe für dessen Stellungnahme waren. Auf die persönlichen Angriffe erwidert er in der Österreichischen Tageszeitung vom 26. September 1858 wie folgt:
„Die beleidigende Äußerung des Herrn Stephensons, als ob meine Teilnahme an den Arbeiten der Internationalen Kommission im Jahre 1855 eine commerzielle Form angenommen habe, weise ich mit Entrüstung zurück. In Österreich ist die Ehre nicht feil und dem ehrenwerten Gentleman diene es zur Nachricht, daß weder ich, noch sonst ein anderes Mitglied der Kommission, von der Größe der Idee begeistert, irgendeine Entschädigung für seine Leistungen je angenommen bat.“
Es war der letzte Akt seines Eintretens für dieses größte Werk seines Lebens. Wenige Tage später, am 1. Oktober 1858, schließt Alois Negrelli die Augen für immer.
Mit seinem Tode ist Österreich, dem der Vertrauensmann fehlte, aus der Reihe der Kanalinteressenten ausgesohleden.
Lesseps, der sich die Baupläne Negrellis zu beschaffen wußte und die Ansprüche seiner Witwe mit einem Linsengericht abfertigte, setzt mit allerdings zu bewundernder Zähigkeit und Mut gegen vielfach sich auftürmende Hindernisse den Bau des Kanals durch, der am 17. November des Jahres 1869 1 mit einer glanzvollen Eröffnungsfeier dem Weltverkehr freigegeben wird. 2
Lesseps ist der Erbauer des Kanals, von Negrelli ist nicht mehr die Rede.
Viele Jahre später findet seine Tochter Marie Dokumente, die ihr den Beweis geben, daß ihre Mutter um die Früchte der Leistungen ihres Vaters betrogen wurde. Sie führt Prozeß gegen die Compagnie Maritime du Canal de Suez in Paris, der von dieser durch immer neue Einwände so lange hingezogen wird, bis er 1918 durch die Entrechtung des besiegten Österreichs nicht mehr weitergeführt werden kann. Und doch ist ihr ein großer Erfolg in dem Kampf
1 Die Eröffnungsfeierlichkeiten dauerten vom 16. bis 19. November 1869.
a Die Ansprache, die der ägyptische Vizekönig an Kaiser Franz Joseph bei der Kanaleröffnungsfeier richtete, lautet wie folgt:
Sire,
„Votre Majeste Apostolique a donne ä cette grande ceuvre un temoignage d’insigne Sympathie en arretant ici vos pas au moment oü l’Adriatique, qui baigne votre empire, et la Mer Rouge deviennent un grand fleuve, aboutissant ä l’Ocean Indien. Daigne le Dieu que vous venez d’adorer publiquement en vous agenouillant sur le tombeau du Sauveur du monde, repandre ses benedictions sur votre personne, sur votre dynastie et sur le grand empire qu’il a daigne confier ä votre sollicitude.“
In dieser Ansprache ist der Anteil Österreichs und besonders derjenige Negrellis an dem Werden des Suezkanals in keiner Weise erwähnt. Als Anlaß für die Anwesenheit des österreichischen Kaisers wird lediglich die Tatsache angeführt, daß das auch im Hoheitsgebiet des damaligen Österreichs gelegene Adriatische Meer durch den Kanal mit dem Roten Meer und Indien verbunden wird.