Aufsatz 
Geschichte der Wiener Porzellanmanufaktur und ihre Beziehung zur Entwicklung der technischen Verwendung des Kaolins / von Franz Kirnbauer
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Franz Kirnbauer

besonders der Empirezeit. Diese böhmischen Erzeugnisse, der alten Wiener Manufaktur nachgeahmt, konnten sich nie recht einführen. Es fehlte nicht nur an der richtigen Masse, sondern vor allem an den geübten künstlerischen Händen, und es zeigte sich: wenn zwei dasselbe tun, so ist es doch nicht das gleiche.

Die neue Wiener Porzellanmanufaktur im Augarten

Die Errichtung der Zollschranken gegen die Tschechoslowakische Republik ermöglichte nach dem ersten Weltkrieg die Wiederaufnahme einer eigenen Porzellanindustrie im neuen Österreich. Es fanden sich wieder kunstsinnige und opferfreudige Männer unter Führung des Wiener Bankhauses Liebig & Co. zu-

Bild 12. Die neue Wiener Porzellanfabrik im Augarten. Photo: Julius Scherb, Wien

sammen, die mit aller Energie die zerstreuten, aber glücklicherweise noch nicht verlorengegangenen Formen sammelten und den 1864 abgeschnittenen Faden der alten Wiener Tradition anknüpften.

Da die alte k. k. Porzellanfabrik in der Roßau schon lange einem modernen Bau hatte weichen müssen, in dem sich heute, wie erwähnt, die österr. Tabakregie in der Porzellangasse befindet, mußte vor allem ein neues würdiges Heim gefunden werden. Die Wahl des österreichischen Staates, der bei der Wiederbelebung seiner einst weltberühmten Porzellanmanu­faktur im Verein mit bayrischen und österreichischen Kunstfreunden größtes Entgegenkommen zeigte und ebenso wie die Stadt Wien das Unternehmen in jeder Hinsicht förderte, fiel auf den Augarten. Man kann diese Wahl als die denkbar glücklichste bezeichnen, denn der Augarten bedeutet an und für sich ein Stück Alt-Wiener Tradition (Abb. 12). Im Spätsommer 1922 wurde mit dem Umbau des Saalgebäudes begonnen und gleichzeitig im Einvernehmen mit dem Bundes­denkmalamt ein Anbau hinzugefügt, um den historischen Charakter des Hauses in keiner Weise zu stören.

Die ersten Erzeugnisse dieser neuen Wiener Porzellanmanufaktur, die von einem erstklassigen Fachmann, Kommerzialrat Thomas, eingerichtet wurde, knüpften glücklich an die alte Tradition an, indem man zunächst wieder alte For-