Aufsatz 
Joseph Mauritius Stummer von Traunfels / von Hedwig Gollob
Entstehung
Seite
64
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Joseph Mauritius Stummer von Traunfels

Von

Hedwig Gollob

Mit 9 Abbildungen

Die Baukunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trägt eine Zwie­spältigkeit in sich. Einerseits gibt dieses Zeitalter der technischen Kon­struktion mit seinem experimentellen Wesen bestimmte Direktiven, anderseits sind aber auch starke, von der Dichtung und Malerei kommende Impulse am Werk. Selbst wenn diese Romantiker in der Baukunst jener Jahre mit ihren überaus reichen und phantasievollen Entwürfen einsetzten, so bindet der mathe­matisch-konstruktive Geist jede vorgehabte Konzeption. Darum sehen damals die Stilnachahmungen der Gotik, die das Ideal der Romantik waren, wesentlich anders aus als die Vorlagen der Vergangenheit. Die mathematisch-fiktive Linie erscheint gegenüber der intuitiven, von anderen geistigen Vorstellungen be­herrschten Ideeneinstellung des 14. und 15. Jahrhunderts. Es war ein Zeichen von Unkenntnis der Situation, wenn beim Vergleiche solcher gotischer Originale mit den Bauwerken von Meistern des 19. Jahrhunderts ungünstige Qualitätsurteile gegen diese ausgesprochen wurden, denn die Grundlagen der vergangenen Kunst des ausgehenden Mittelalters waren wesentlich durch das eigene Kunstwollen bedingt. In den Formen des 19. Jahrhunderts aber war ein anderer Wille mit voller Berechtigung vorherrschend. Ein Fehler wurde bei der Betrachtung der Bau­kunst des 19. Jahrhunderts darin begangen, daß man allzu sehr die Eroberung der konstruktiven Form von der äußerlichen künstlerischen Form zu trennen glaubte. Der künstlerische Sinn zeigt sich ebenso in der Art der Beherrschung und Verwendung der konstruktiven Möglichkeit. Die konstruktiv arbeitenden Architekten waren gleichsam die Vorläufer der heutigen Auffassung der Bau­kunst und diese Richtung befand sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in großem Aufschwung, doch wurde sie reaktionär von einer wundervollen Ro­mantik überschlagen. Es hat den Anschein, als wären diese beiden Richtungen ideell einander feindlich gegenübergestanden. Schließlich kam doch die Romantik zum vollen Siege. Erst um die Jahrhundertwende trat die hochentwickelte kon­struktive Richtung mit ihren Forderungen auf, was zu dem Resultate führte, daß