Präzisions-Zeitmessung in der Vor-Huygensschen
Periode.
Von
Dr. Hans v. Bertele, Dr. Ing. Dipl.-Ing. A.M. I. E.E., London, Privatdozent der Technischen Hochschule, Wien.
Aus dem Englischen übersetzt von Akad. Restaurator Ing. Hans Kominek, Technisches Museum, Wien.
Mit 15 Abbildungen.
I >ie Priorität von Huygens, als Erster Pendel und Unruhen 1 in mechanischen Stand- und Taschenuhren zum Zwecke einer Verbeserung der Zeitmeßgenauigkeit verwendet zu haben, wird mitunter von Wissenschaftlern und Historikern im Hinblick auf einige mit Tycho Brahe in Verbindung stehende Dokumente bezweifelt (1). Diese (vgl. z. B. Bild 1 und 2) werden als Nachweis für die Verwendung von Pendeln oder gleichwertigen Schwingsystemen als Gangregler der mechanischen Uhren vor der HuYGENSschen Periode angesehen. Huygens Einführung des Pendels als Regulator für mechanische Uhren fußt auf der Galileo GALiLEischen Entdeckung (veröffentlicht in der Discorsi 1638) vom Isochronismus des Pendels, das ist die durch das Vorhandensein einer Eigenfrequenz des Systems bedingte Unabhängigkeit der Schwingungsdauer von der jeweiligen Schwingungsweite. Hier soll weiterhin ein solches System kurz als eigenperiodisch im Gegensatz zu den vorherigen aperiodischen Systemen bezeichnet werden. Die Entdeckung des Isochronismus bildet einen der Ausgangspunkte der modernen Mechanik; daher ist die Feststellung der Person, welche die entsprechenden Zusammenhänge zum ersten Male erkannte, von allgemeinem Interesse für die Wissenschaft und reicht'in der Bedeutung weit über die Grenzen der Uhrenkunde hinaus.
Huygens erhielt ein Patent auf die Verwendung des Pendels für Uhren (2) und diese Tatsache weist darauf hin, daß das Prinzip öffentlich nicht bekannt war. Die Frage kann also nur die sein, ob irgendein außergewöhnlicher Wissenschaftler ein eigenperiodisches Schwingsystem vor Huygens für Zeitmeßvor-
1 Im folgenden soll, dem heutigen Sprachgebrauch nachkommend, das Wort Unruhe für die Kombination einer radförmigen Masse mit einer Haarfeder gebraucht werden, während Foliot und Wag den federlosen Doppelhebel und das federlose Balancerad bezeichnen sollen.