Aufsatz 
Präzisions-Zeitmessung in der Vor-Huygensschen Periode / Hans von Bertele
Entstehung
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HANS V. BERTELE.

Burgis Entwicklungsarbeiten zur Verbesserung der Zeitmeßgenauigkeit sind nunmehr recht lückenlos und vollständig zu überblicken. Sie können als logische Endentwicklung der mittelalterlichen Uhrentechnik beschrieben werden, enthalten aber nicht den geringsten Hinweis dafür, daß Burgi jemals an ein Pendel oder irgendein anderes eigenperiodiges Schwingsystem für die Gangregelung mechani­scher Uhren gedacht hat. So läßt sich endlich die Frage mit einem endgültigen Nein beantworten, ob Burgi nicht vielleicht Gallileos Entdeckung des Iso­chronismus des Pendels vorweggenommen hatte; damit kann man die in dieser Hinsicht seit mehr als zwei Jahrhunderten immer wieder auftauchenden Zweifel nun endgültig aufgeben.

Die offensichtlichen Grenzen der Leistungsfähigkeit des Kreuzschlags aber bedeuten keine Schmälerung von Burgis Verdiensten; er erscheint als der erste Horologe, welcher bewußt die Idee der Genauigkeit in der Zeitbestimmung in die wissenschaftliche Tätigkeit der Menschen eingeführt hat; er hat auch die hiezu erforderlichen praktischen Hilfsmittel Wirklichkeit werden lassen. Wir können sicher sein, daß viele wissenschaftliche Arbeiten von Tycho Brahe und Iveppler durch Burgis Uhren sehr wesentlich unterstützt worden waren; zweifelsohne waren zumindest mehrere davon mit Sekunden Weisung ausgerüstet. Doch darüber sind wir nur auf Vermutungen angewiesen. Wie dem aber auch sei, die heute be­kannten Uhren Burgis erbringen den Beweis dafür, daß die Einführung der Sekundenweisung durch Burgi keine Fabel, sondern Wirklichkeit ist. Wir kennen heute drei Uhren Burgis mit Sekundenschlag, wobei eine die Wiener Berg­kristalluhr nicht nur einen Sekundenschlag, sondern sogar auch ein eigenes Sekundenblatt besitzt. Das Verblüffendste und Unerwartete in der Aufklärung des BuRGi-Problems erscheint aber doch, daß seine Leistung gegen die so oft aus­gesprochenen Vermutungen ohne Pendel oder entsprechende eigenperiodische Schwingsysteme möglich gewesen war.

Schrifttum.

1. L. Defossez: ,,Les savants du XVIIieme Siede et la mesure du temps. 1946, Edition du Journal Suisse dHorlogerie et de Bijouterie-Lausanne. Pg. 57: Burgi et 1 invention du pendule.

2. Patent seitens der Generalstaaten vom 16. 6. 1857, das bald darauf auch von Holland und Westfriesland an Huygens bestätigt wurde. Huygens hat die ent­sprechenden Rechte an Salomon de Coster, Uhrmacher im Haag, dann weiter­gegeben.

3. Alhard von Drach:Jost Burgi, Kammeruhrmacher Kaiser Rudolph II. Bei­träge zu seiner Lebensgeschichte und Nachrichten über Arbeiten desselben. Jahr­buch der kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses. XV. Tempsky, Wien 1894.

4. Tychonis Brahe Dani Epistolarum Astronomicorum Libri . . .; Norimbergae 1601; pg. 269.

5. Aus Archiven der Landesbibliothek in Kassel.

6. Astronomische Manuskripte der Landesbibliothek in Kassel; Ms. astr. 5; No. 7. Dieselben sind zwar nicht datiert, können aber bezüglich ihres Entstehungsdatums recht genau auf den Zeitraum zwischen 1585 und 1590, die Arbeitszeit von Roth- mann in Kassel, festgelegt werden.