Aufsatz 
Zur ältesten Geschichte des Bernsteins / von Heinrich Quiring
Entstehung
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Heinrich Quiring.

leute; griech. %aXvtpStahl) die Tradition fort. Nach Lehmann-Haupt 10 und Herzfeld saßen sie zwischen Schwarzem Meer und Wan-See. Sie waren Meister in der Schmelztechnik und Edelsteinbearbeitung. Daß ihnen auch die Erfindung der Stahlerzeugung zukommt, geht daraus hervor, daß unter den Geschenken Tusrattas an Amenophis III. Stahldolche mit kostbaren Edelsteingriffen und knäufen waren. Da darunter auch ein Stahldolch mit einem Knauf aus aban hiliba * 11 , d. h. Bergkristall, war und im Grabe des Tutanchamon ein solcher Stahldolch mit einem feingeschliffenen Bergkristallknauf lag nach A. Lucas 12 keine ägyptische Arbeit, so stammte dieser damals sehr kostbare Stahldolch ebenso aus Mitannu wie die bisher älteste Stahlwaffe überhaupt, das im 15. Jahr­hundert v. Chr. geschmiedete Beil von Ugarit 13 . Man wird daher mit großer Wahr­scheinlichkeit sagen können, daß auch die Bernsteinschmuckstiicke im Grabe des Tutanchamon Geschenke aus Mitannu waren, und man darf auch behaupten, daß das damals in dem Briefe verwandte Wort Sag. Kal ins Ägyptische als sakal .,Bernstein übergegangen ist.

Es ergibt sich nun die Frage, woher die Mitannier den von ihren Juwelieren verarbeiteten Bernstein bezogen. Um Ost- oder Nordseebernstein wird es sich kaum gehandelt haben. Denn von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer hat sich zwar in der klassischen Antike ein Handelsweg entwickelt, für das 2. Jahrtausend v. Chr. sind aber keine Anzeichen für einen solchen Konnex erkennbar.

Im damals von skytischen Völkern bewohnten Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres gibt es dem Ostseebernstein gleichartigen 14 und gleichwertigen Bernstein in tertiären Schichten am Dnjepr bei Perejaslaw und Jekaterinoslaw sowie auf den Dnjepr-Inseln Peskowatyi, Beljajew und Golodajew, ferner am Udy bei Poltawa, bei Berislaw in Cherson und bei Kachowka in Taurien. In diesen Be­zirken ist nach Funden schon im Altertum nach Bernstein gegraben worden. Man kann annehmen, daß die Bernsteingewinnung in diesen nordpontischen Bezirken im Anfänge des 14. Jahrhunderts v. Chr. auf genommen wurde und kurz vor 1375 die ersten, Steine nach Mitannu gelangten und zu Schmuckstücken verarbeitet wurden; denn in den vorhergehenden 7 Briefen TusR vttas 15 an Amenophis III. (1411 bis 1375) sind keine SAG.-KAL-Steine erwähnt, obwohl auch in diesen Briefen viele Juwelengeschenke genannt sind. Wahrscheinlich hat Tusratta, dem auf der Höhe seiner Macht auch Assyrien untertan war, die nordpontischen Gebiete beherrscht.

Die merkwürdige Tatsache, daß im Grabe des Tutanchamon nicht nur der zur Mitgift der Tatuhepa gehörige Stahldolch mit Bergkristallknopf (Abb. 2 und 3), sondern auch aus Mitannu stammender Bernsteinschmuck lag, vermag ein Problem zu lösen, das vor allem den Ausgräber Howard Carter beschäftigt hat. Denn Tutanchamons und seines Schwiegervaters Echnatons Schädelform ist so eigen-

10 C. F. Lehmann-Haupt : Armenien einst und jetzt, IT. 2, 1031.

11 .T. A. Knudtzon : a. a. O. S. 169.

12 A. LUCAS: Ancient Egyptian materials and industries, II. Aufl. London 1934.

13 C. F. A. Schaeffer : Ugaritica. Mission de Ras Schamra, ITT, Paris 1939.

14 B. DÄMMER und O. Tietze : Die nutzbaren Mineralien. Bd. IT, Stuttgart 1914, 8.454.

15 Knudtzon : a. a. O. S. 131 bis 189.