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1932: Erstes Heft
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Heinrich Srbik: Die Kulturverbundenheit der Technik.

der Weltanschauung im allgemeinen einer neuen Einschätzung des Unwägbaren und Unmeßbaren weicht, so tritt auch die Einheitlichkeit menschlicher Kultur in dem weitesten Bereich des Sinnlichen und Übersinnlichen und demzufolge auch die Einheitlichkeit der Wissenschaft wieder stark in unser Bewußtsein.

Überblicken wir im Geiste die einzelnen Entwicklungsreihen der Technik, so tritt uns auch sogleich die unlösbare Verklammerung der technischen Kultur mit den anderen Kulturbereichen geistiger, sozialer, materieller Natur entgegen. Ver­folgen wir etwa die Geschichte der technischen Kriegsinstrumente an der Hand der Dokumente, so erhebt sich sofort das große Problem der kulturschaffenden und kulturzerstörenden Punktion des Krieges in der österreichischen, der deutschen, der Menschheitsgeschichte; blicken w r ir auf die Schriften der großen Kameralisten der Zeit Leopolds I., eines Becher, Hörnigk und Schröder, so sehen wir mit dem geistigen Auge ein Stück Geschichte der Nationalökonomie; betrachten wdr das reiche Material, das die Geschichte der Bergbautechnik bietet, so werden wir zugleich auf die Finanzgeschichte und die Geschichte der Unternehmungsform und der Rechts- und Wirtschaftslage der Berg- und Hüttenarbeiter hingewiesen. Das sind nur Beispiele, die uns zeigen, wie sehr jede Geschichte eines Kulturbezirkes die der anderen Kulturbereiche erfordert. Ein solcher Umblick lehrt uns aber auch anderes: die Beseeltheit der technischen Schöpfung durch den Geist des schaffenden Einzelmenschen und die relative Bindung des Individuums durch seine Zeit. Sie führt uns bei dieser Betrachtungsweise zu dem eigentlichen Zentrum aller Ge­schichte, dem Menschen selbst hin, führt uns zur Höhe und zur Tragik des Menschen und gewännt dadurch schließlich auch seelische, gemüthafte Werte. Sie zeigt den Triumph des Genius des einzelnen in den großen Erfindungen, zeigt aber auch, wäe dieser einzelne gefesselt ist durch das geistige und ökonomische Entwicklungs­stadium seiner Zeit und w r ie es das Schicksal vieler schöpferischer Geister wmrde, von den Mitlebenden verkannt zu w r erden, anscheinend fruchtlos den harten Lebens­kampf zu kämpfen und erst von der Nachwelt gewürdigt zu w r erden. Über die Höhe und Tiefe des Einzeldaseins hinaus aber erwachst uns die allgemeine Wahr­heit, daß der Weg zur Erkenntnis über den Irrtum führt und daß nichts verfehlter ist, als stolz auf die eigene Stufe des Wissens und Schaffens über die Vergangenheit sich zu erheben: Der Weg zur Astronomie führte über die Astrologie, der Weg zur Chemie führte über die Alchimie. Ich darf in diesem Zusammenhang vielleicht auf das Büchlein des genannten Becher ,,'Weise Narrheit und närrische Weisheit aufmerksam machen eine Lektüre, die, wie wenige, nachdenksame Geschichte der Technik zu lehren geeignet ist.

Die Geschichte greift ins Leben ein und erhält wertvollste Impulse durch das Leben; die Technik dient der Gegenwart und Zukunft der Menschheit, aber auch sie beruht auf geschichtlicher Basis. Vergangenes, Heutiges und Morgiges sind eine ungebrochene Kette und jede Einzeltatsache in der Geschichte aller Wissen­schaften stellt ein Kettenglied in der Gesamtgeschichte menschlicher Kultur dar. Die Aufgabe des Historikers der Technik ist schwer. Er soll geschichtliches Denken und geschichtliche Forschungsmethode zu eigen haben und soll zugleich die tech­nischen Wissenschaften beherrschen. Aber ist diese Aufgabe nicht auch eine hohe und stolze, des heißesten Mühens w'ert ?