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Ludwig Erhard
nur aus einer Erscheinungsform in eine andere umgewandelt werden. Das Energiegesetz lehrt also die ewige Wiederkehr des Gleichen und deshalb lassen sich auch chemische und physikalische Prozesse rechnerisch erfassen und durch mathematische Gleichungen versinnlichen. Auf Grund dieses konstitutiven Gesetzes vermag der Ingenieur, einem modernen Propheten gleich, künftige Dinge, wie z. B. die Unmöglichkeit des Perpetuum mobile, vorauszusagen, oder den Entwurf eines Bauwerkes, die Anordnung und den Lauf einer Maschine, oder das Ergebnis eines technischen Verfahrens mit Sicherheit vorauszubestimmen. — Die Richtlinien der Geschichte und der Entwicklungslehre sind dagegen der kausalen Forschungs- weise im physikalischen Sinne nicht zugängig; ihre regulativen Gesetze können daher nur rückschauend und tastend durch entsprechende Quellenstudien, Überlieferungen und Erfahrungen festgestellt w r erden. Als Beispiel eines solchen regulativen Leitsatzes sei hier nur das von E. Haeckel aufgestellte „Biogenetische Grundgesetz“ genannt, w r onach die Formenreihe, die ein Lebewesen während seiner Entwicklung von der Eizelle bis zum ausgebildeten Zustand durchläuft, eine kurze Wiederholung jener Formenreihe darstellt, die seine Vorfahren von den ältesten Zeiten her durchlaufen haben. Diese biogenetische Regel gilt zwar nur mit Einschränkungen, leistet aber bei der rückschauenden Erforschung der Abstammung gute Dienste. Sichere Weissagungen für die Zukunft vermag man auf Grund derartiger regulativen Gesetze ebensow'enig abzuleiten, wie sich etwa das Auftreten eines bahnbrechenden Genies vorher bestimmen läßt. Auch die Geschichte der Technik kann nur solche regulativen Leitsätze zutage fördern, die zwar keine unverbrüchliche Richtschnur für das künftige technische Geschehen darbieten, aber doch immerhin die innere Ordnung und eine gewisse Einheitlichkeit des verwickelten Werdeganges der Technik aufzuhellen und dadurch deren Wunderw r elt auch dem Fernerstehenden faßbar vor Augen zu führen vermögen. Erst wenn an Stelle des gedankenlosen Bestaunens der aufsehenerregenden Errungenschaften der Technik eine genauere Erkenntnis über den oft mühevollen, langwierigen und gefährlichen Weg des Geistes in der Technik tritt, erst dann kann die technische Arbeit einen bestimmenden Einfluß auf die geistige Verfassung und die Denkart weitester Kreise gewinnen. Auf diesen verschlungenen Pfaden des technischen Aufstieges soll aber die Geschichte der Technik als kundige Führerin vorangehen.
Der Grundgehalt der Technik.
Obwmhl nun die Technik so alt ist wie das Menschengeschlecht selbst, so reichen doch die Bestrebungen, das technische Geschehen aus einheitlichen und übergeordneten Gesichtspunkten zu erklären, nicht sehr w'eit zurück. Als einer der ersten suchte E. Kapp 1 das Walten der Technik nach naturphilosophischen Gedankengängen aufzubauen. Gemäß seiner Lehre von der „Organprojektion“ sind alle Technismen schon im menschlichen Körper derart vorgebildet, daß sie der Erfindungsgeist nur in die Welt hinauszuprojizieren braucht. Die Orgel z. B. wäre nach Kapp etw r a als eine außerkörperliche Materialisation des menschlichen Stimm-
1 E. Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. Braunschweig 1877.