Zur Entwicklungsgeschichte der Technik.
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organs samt Brustkorb, Kehlkopf und Mundhöhle aufzufassen. Derartige scheinbiologische Anschauungen spuken manchmal noch heute in den Köpfen von Erfindern herum, die da glauben, der technische Fortschritt fuße vornehmlich auf der genauen Nachahmung pflanzlicher oder tierischer Vorbilder, während sich die Technik als gestaltende Wissenschaft geradezu in entgegengesetzter Richtung entwickelt und sich immer mehr vom Gebrauch organischer Stoffe und Bewegungen entfernt. — Eine andersartige Auffassung der Technik stammt von dem angesehenen Historiker Karl Lamprecht 1 her, welcher die Technik als eine Frucht der Wirtschaft und der Bedarfsdeckung, wie folgt, hinstellt: „Ein Blick auf die Beziehungen zum Wirtschaftsleben zeigt, daß die Technik im Verhältnis zur Wirtschaft bei weitem mehr der geschobene, statt der schiebende Teil war und ist. Das Wirtschaftsleben ist in seinen Anfängen älter als die mechanische Technik. Wirtschaftliche Motive haben also die Entfaltung der Technik mithervorgerufen und nicht die Technik hat überwiegend die Wirtschaft beeinflußt.“ Die Herrschaft der Wirtschaftsführer über einzelne Zweige der Technik trifft wohl in manchen Fällen zu; anderseits ist es aber doch schon offensichtlich geworden, daß die bahnbrechenden Erfindungen der letzten Jahrzehnte, wie die Wärmekraftmotoren, die Elektrotechnik, das Kraftfahrwesen und die Luftfahrt, die Röntgentechnik, die Radiotechnik, die Herstellung kostbarer Färb- und Arzneistoffe aus geringwertigem Teer und zahlreiche andere technischen Errungenschaften, völlig neuartige, vordem nicht einmal geahnte Industrie- und Wirtschaftszweige hervorbrachten. Auf Grund dieser Erfahrungen hat der Nationalökonom J. Wolf 2 die wirtschaftliche Bedeutung der technischen Schöpferkraft besonders hervorgehoben und die „technische Idee“ den übrigen klassischen Produktionsfaktoren, nämlich Natur, Arbeit und Kapital, völlig gleichgestellt. — Und wenn auch die Technik heute noch vielfach in bindenden Dienstverhältnissen zu anderen übergeordneten Mächten steht, so ist diese Abhängigkeit gegenwärtig doch nicht mehr so drückend wie etwa zur Zeit der altnordischen Sage, da der mächtige König Nidung den kunstreichen Schmied Wieland durch Zerschneiden der Fußsehnen an seinen Hof zu fesseln suchte. Der kundige Schmied ersann aber Schwingen und entflog mitsamt der Königstochter in die Lüfte. Wieland, den Schmied, sollte die Technikerschaft als ihren Ahnherrn anerkennen und verehren.
Friedrich Dessauer 3 hält die Technik für die größte Macht der Menschheitsgeschichte und verlegt in Anlehnung an die drei Reiche der KANTschen Philosophie den Urgrund der Technik in ein „viertes Reich“, das alle technisch realisierbaren, ihres Finders harrenden Ideen umfaßt. Das eigentliche technische Schaffen, das Erfinden, ist nach Dessauer ein Herüberholen vorbestimmter, eindeutiger Formen aus diesem Reiche der Bereitschaft in unseren Lebensbereich sinnlicher Wahrnehmung. Die Gestalten des „vierten Reiches“ steigen in unser Dasein nach einem Plane hernieder, den Menschenhirne und Menschenhände gemäß einem inneren Befehl vollziehen. Es ist wie ein großes Erlösungslicht, das gleichsam von einem Himmelsdom einrieselt.
1 K. Lamprecht, Zur jüngsten deutschen Vergangenheit. 2. Bd., Freiburg i. B. 1903.
2 Wolf, Die Volkswirtschaft, Leipzig 1912.
3 F. Dessauer, Philosophie der Technik. Bonn 1927.