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Ludwig Erhard
Dieser übersinnlichen Gedankenwelt Dessauers stehen die erdennahen Anschauungen von Naturforschern und Biologen über das Wesen der Technik gegenüber. Schon Benjamin Franklin nannte den Menschen zum Unterschied von den übrigen Geschöpfen „Tool making animal“, das „Werkzeug schaffende Lebewesen“, auch P. Alsberg 1 bezeichnet die Bildung außerkörperlicher Arbeitsbehelfe geradezu als das „Menschheitsprinzip“, und der Wiener Biologe Berthold Hat- schek führt neuerlich in einer seiner Abhandlungen wörtlich aus: „Erst mit der Schaffung des Werkzeuges betritt der Mensch den neuen Weg seiner Entwicklung. Hierzu befähigt ihn nicht nur die Hand, die das Werkzeug formt, sondern vielmehr noch das Gehirn, das das Werkzeug ersinnt. Werkzeuge sind Organe, die wir außerhalb unseres Körpers uns selbst schaffen. Das Beil, der Pflug, die Waffe sind derartige außerkörperliche Organe. Mit den unscheinbarsten Anfängen hat die Herstellung solcher Werkzeuge begonnen. Dieselbe Hand, die die Nahrung ergreift, faßt auch den Faustkeil als Waffe und Hammer. Später folgt die einfachste Bearbeitung der Steine zu Steinwerkzeugen, nach denen wir ja die Steinzeitepoche benennen. Die Verbesserung der Werkzeuge geschieht zunächst langsam und führt schließlich zu einem lawinenartigen Anwachsen der technischen Fortschritte, die unser gegenwärtiges Zeitalter kennzeichnen. So ist eine völlig andersartige Welt von Organen entstanden, wogegen die Natur darauf verzichtete, an unserem Körper neue Organe zu bilden.“
In der Tat weist der menschliche Körper namentlich in seinen Sinnesorganen eher Verfallserscheinungen als Entwicklungsfortschritte auf; allein dieser Mangel der „Organismen“ ward durch die Schaffung von außerkörperlichen „Technismen“ reichlich aufgew r ogen, ja sogar oft in das Gegenteil gewandelt, denn die Technik steigert durch die Bildung leibfremder Organe die menschlichen Fähigkeiten ins Ungemessene. An die Stelle der Naturentwicklung ist eben beim Menschen die technische Vervollkommnung getreten.
Beim Hervorbringen neuer technischen Gebilde verfährt nun der erfindende Menschengeist in ähnlicher Weise wie die schöpferische Natur beim Schaffen neuer Organismen. Hier wie dort entsteht jedesmal aus den gegebenen Bausteinen ein Neugebilde, ein „Plus“ in der Schöpfung, das weit mehr vermag als die einzelnen Elemente, aus denen es zusammengesetzt ist. — Die Technik ist eben nicht bloß angewandte Naturkunde, sie ist vielmehr eine schöpferisch gestaltende Wissenschaft, die ihren eigenen Entwicklungsgang verfolgt. Die Natur bringt nur in ungeheuren Zeiträumen körperliche Veränderungen und Verbesserungen an ihren Geschöpfen außerhalb der Bewußtseinssphäre selbsttätig hervor, während die außerkörperlichen technischen Errungenschaften vom Menschengeist zielbewußt und zielstrebig in immer rascherer Reihenfolge in die Welt gesetzt werden.
Der technischen Entwicklung sind jedoch dadurch unüberschreitbare Grenzen gesetzt, daß es bisher trotz heißem Bemühen nicht gelungen ist, ein selbständiges Lebewesen, und sei es auch nur ein winziger Zellkörper, künstlich in Phiolen und Retorten hervorzuzaubern. Ebensowenig vermag aber auch die natürliche biologische Entwicklung die Schranken des Energieprinzips zu sprengen; denn auch die Lebens-
1 P. Alsberg, Das Menschheitsrätsel. Dresden 1922.