Zur Entwicklungsgeschichte der Technik.
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äußerungen der organischen Welt unterstehen ausnahmslos den konstitutiven Energiegesetzen, die alles Werden und Vergehen durchdringen.
Von der naturgegebenen Scheidewand zwischen den belebten Organismen und den künstlichen Technismen abgesehen, weist die technische Entwicklung die weitestgehende Ähnlichkeit mit der biologischen Entwicklung auf. — Nach Wilhelm Roux (1850—1924), dem Begründer der Entwicklungsmechanik, ist die Gestaltung der Organismen durch ihre „funktionelle Anpassung“ bedingt. Demnach sind die Formen der Gelenke, die merkwürdige Balkenstruktur der spongiösen Knochensubstanz, die Muskelbildung usw. auf eine Selbstgestaltung durch die Wirkung des Gebrauches zurückzuführen. — Im technischen Gebiete hatte schon vorher der Technologe Ernst Hartig (1830—1900) das Gesetz des „Gebrauchswechsels“ ermittelt, wonach die zahlreichen, von gemeinsamen Urformen abstammenden Arten der Schneide- und Trennwerkzeuge späterhin in den mannigfachsten Gestalten erscheinen und sich dadurch dem Gebrauchszweck bestens anpassen. Ein Blick auf die Getriebelehre von Franz Reuleaux (1824 bis 1905) zeigt ferner, daß die im Laufe der Zeit durch Anpassung entstandenen zahllosen Abwandlungen von Maschinengetrieben gleichfalls nur auf sieben ursprüngliche Grundgetriebe zurückzuführen sind. Ein weiteres lehrreiches Beispiel solchen technischen Anpassungsvermögens bietet unter anderem auch die Flügelschraube, deren verschiedene Ausführungsformen gegenwärtig bei Schiffen, Flugzeugen und Schienenfahrzeugen sowie auch bei Ventilatoren, Flügelradturbinen und Wind- und Flußmessern in Verwendung stehen. — Die sinngemäße Übereinstimmung des erweiterten technologischen Gesetzes des „Gebrauchswechsels“ mit dem die Biogenie beherrschenden Gesetz der „funktionellen Anpassung“ ist augenfällig.
Überdies zeigt der Entwicklungsgang der Technik gar nicht so selten jene Rückartung, die in der Vererbungslehre als „Atavismus“ gilt, und welche darauf beruht, daß die Nachkommen manchmal weniger ihren Eltern als ihren Ahnen gleichen. So ähnelt z. B. das neuzeitige Automobil viel weniger der Eisenbahn, der es unmittelbar nachfolgte, als dem veralteten Straßendampfwagen aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. — Auch rudimentäre Organe, die in der Stammesgeschichte der Wirbeltiere eine Rolle spielen, treten in der Technik hier und da als verkümmerte Überbleibsel früherer Epochen zutage, vie z. B. widersinnige Verzierungen an Maschinengestellen oder burgenartige Brückenköpfe als leere Steinmasken bei Eisenbrücken. Und w’enn heute noch irgendwo ein schweres Schwungrad mit Hand- oder Tretkurbeln betrieben wird, so ist dies ein rudimentäres Verfahren, das auf die rückständige Arbeit in der verschollenen Tretmühle hinweist. — Wie ferner in der organischen Welt nach der Mutationstheorie von H. de Vries sprunghafte Abänderungen von Pflanzen und Tieren den geradlinigen Verlauf der Entwicklung ablenken und demnach periodisch zur Bildung neuer Arten führen, so erscheinen auch in manchen technischen Entwicklungsreihen plötzlich grund- stiirzende Neuerungen. Eine solche Mutation auf technischem Gebiete bewirkte z. B. das Auftauchen der Starkstromtechnik, welche in der Folge zu ganz neuen Arten der Elektrochemie und -metallurgie, der Beleuchtung und Beheizung, des Bahnverkehrs und der länderweiten Fernübertragung größter Energiemengen führte.