Aufsatz 
Österreich als Ingenieurland
Entstehung
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Eduard Merlicek

sich anderseits der feste Zusammenhang der Alpenlandschaften mit der Donaustadt in zahlreichen wirtschaftlichen Fortschritten und kulturellen Aufstiegen ausge­wirkt hat.

Dieser Zusammenhang der Alpenlandschaften mit Wien ist vor allem für die Wasserversorgung dieser Stadt und in weiterer Folge auch für die Wasser­versorgung zahlreicher anderer Städte von einschneidender Bedeutung gewesen.

Ein Rückblick in den Werdegang der Wiener Wasserleitung ist kennzeichnend für den Weg, den die Entwicklung der städtischen Wasserversorgung im allgemeinen gegangen ist; der ganze große Weg, sowie seine Abhängigkeit von den Fortschritten der Wissenschaft und der Wasserbautechnik, wird durch einen solchen Rückblick auf gerollt.

Die ältesten Wasserleitungen auf österreichischem Boden stammen aus der Römerzeit. In Wien sind durch Ausgrabungen (1859) zwei solche Leitungen bekannt­geworden: Die eine läßt sich mit einiger Sicherheit bis an die Ursprungsquelle in Gumpoldskirchen verfolgen, eine zweite kam von Hernals, und beide Wasserleitungen führten in das Innere der Stadt, wo sie vorwiegend für Badezwecke dienten. Den Römern war also anscheinend weniger daran gelegen, das frische Trinkwasser in die Stadt zu bekommen, als vielmehr den großen Bedarf ihrer Bäder in einfachster Weise durch Gravitationsleitungen zu decken. Der gleiche Grundsatz, wenn auch nicht für Badezwecke, sondern zur Bewältigung von Feuersbrünsten, kam auch im späteren Mittelalter und in der Neuzeit zur Geltung; man nahm keinen Anstand, einzelne Quelleitungen, die man aus hochgelegenen Stadtgebieten oder aus der Umgebung der Stadt heranführte, mit ergiebigem Grundwasser oder Sicker­wasser zu verstärken. Eine solche Erweiterung erfuhr beispielsweise auch die im Jahre 1804 zur Versorgung der westlichen Bezirke Wiens errichtete Albertinische Wasserleitung aus dem Haltertale bei Hütteldorf.

Allmählich wendete man sich fast ganz der Versorgung durch Sammelanlagen für Grundwasser und Sickerwasser zu; denn die Maschinentechnik war inzwischen so weit vorgeschritten, daß eine künstliche Wasserhebung in Hochbehälter und die Zuleitung im Gefälle nach allen Stadtteilen in Betracht kommen konnte. So entstand in Wien 1836 bis 1841 die Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung, ein bedeutendes Werk, das für den Anfang wenigstens dem gesteigerten Wasser­bedarf zu genügen vermochte und auch den Ausfall an Quellwasser ersetzen konnte, der in diesem Zeitpunkte schon sehr fühlbar war. Die Quellen, die zur teilweisen Versorgung der Stadt gedient hatten, waren nämlich lange schon durch die Ent­waldung ihres Einzugsgebietes sowie durch den Abbau ihrer Quelladern bei der Verbauung ihres Umkreises dem Versiegen preisgegeben. An eine Quelleitung aus einem hochgelegenen, geschützten Gebiete, wie etwa aus den Alpen, hatte aber bisher niemand zu denken gewagt. Niemand hatte bisher auch an die vielen Vorbilder der Römer gedacht, die den großen Wasserbedarf ihrer Städte vorwiegend aus den Quellen der Gebirge deckten, indem sie diese oft auf weite Strecken in Gefällsleitungen und über große Aquädukte zuführten, so namentlich für Rom, wo mehrere derartige Quellwasserleitungen aus den ferngelegenen Gebirgen durch die weit ausgedehnte Campagna führen. Man hielt diese altertümlichen Maßnahmen für längst überholt und unwirtschaftlich; verfügte man doch über zv r ei große Er-