Aufsatz 
Österreich als Ingenieurland
Entstehung
Seite
44
Einzelbild herunterladen

44

Friedrich Brock

Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts begann der Einfluß der Elektrizität auf die Energiewirtschaft sich auch in Österreich bemerkbar zu machen; die große elektrische Ausstellung in Wien (1883) hat manches Samenkorn geborgen, das erst später auf gegangen ist.

Die ersten Anlagen zur Gewinnung und Verteilung elektrischer Energie wurden in Gleichstrom meist nach dem Dreileitersystem ausgeführt und um die be­schränkte Reichweite bei der damals gebräuchlichen höchsten Glühlampenspannung von 110 Volt zu vergrößern, wurden erstmalig von dem gerade vor 50 Jahren ge­gründeten österreichischen Hause von Siemens & Halske in Trient und in Wien die Gleichstromverteilung nach dem Fünfleitersystem ausgeführt. Diese Art der Stromverteilung wurde später durch die Verwendung von Wechselstrom überholt.

Nach der gelegentlich der Frankfurter Ausstellung im Jahre 1898 mit gutem Erfolge ausgeführten Kraftübertragungsanlage Lauffen-Frankfurt von 180 km mittels Drehstrom setzte auch in Österreich eine raschere Entwicklung der Elektri­zitätswirtschaft ein.

Man war darauf bedacht, die Wasserkräfte für die Zwecke der Gewinnung elektrischer Energie nutzbar zu machen, und das Eisenbahnministerium errichtete 1905 ein eigenes Studienbureau, das ausschließlich damit beschäftigt war, die in der Monarchie vorhandenen Wasserkräfte aufzunehmen und die ausbauwürdigen im Detail zu bearbeiten, um die geeignetsten für den Betrieb der Staatsbahnen sicherzustellen.

Damit wurde eine umfangreiche, sehr wertvolle Arbeit geleistet und manche dieser Projekte, die vom Ministerium freigegeben wurden, sind neben anderen von privater Seite geplanten Anlagen zum Ausbau gelangt.

Es ist selbstverständlich, daß in dieser Zeit der Konstruktion der Wasser­turbinen und ihrer Regelung erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt wurde. Die öster­reichischen Turbinenfabriken waren mit Erfolg bemüht, den immer mehr steigenden Anforderungen hinsichtlich Schluckfähigkeit, Drehzahl, Regulierung und Wirkungs­grad zu entsprechen.

Wenn der Krieg mit seinen unseligen Folgen diesen Entwicklungsgang auch gehemmt hat, so schlug die Entwicklung später ein um so rascheres Tempo ein.

Das neue Österreich als kohlenarmes Land war gezwungen, sich von der Auslands­kohle nach Möglichkeit unabhängig zu machen. Es galt, nicht nur die heimischen Wasserkräfte für neu zu errichtende Anlagen heranzuziehen, vielmehr auch die bestehenden mit aus Wasserkraft gewonnener elektrischer Energie zu versorgen.

W b anderseits der kalorische Betrieb beibehalten werden mußte, w T ar man bestrebt, die Einrichtungen möglichst zu vervollkommnen und sich die wirtschaft­lichen Vorteile zunutze zu machen, die der Betrieb mit hochgespanntem und hoch­überhitztem Dampf bietet, besonders in den Fällen, wenn neben der Kraftgewinnung auch Wärme für Fabrikationszwecke gebraucht wird.

In der Wien-Floridsdorfer Maschinenfabrik hat Professor Dr. Stefan Löffler die erste Hochdruckdampfanlage seines Systems mit 100 Atm. erstehen lassen, die sich im mehrjährigen Betriebe bestens bewährt hat; auf dem Witkowitzer Eisenwerk ist eine Hochdruckdampfanlage nach diesem System mit einer Leistung von 23000 kVA eingerichtet worden, die so zufriedenstellend arbeitet, daß eine