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Bruno Enderes
Wenn wir auf Ghega das Wort vom „Wagenden“ anwandten, so geschah das mit vollem Recht. Ghega hat gewagt ; er hat so viel gewagt, daß wir bis zu einem gewissen Grad die leidenschaftlichen Angriffe verstehen können, die aus den Kreisen der Fachgenossen gegen Ghega und seine Pläne gerichtet wurden. Die wichtigste
Tatsache, auf die sich die Angreifer stützten, war unzweifelhaft richtig: es gab zu der Zeit, als der Bau der Semmeringbahn begonnen werde, überhaupt noch keine Lokomotivtype, die imstande gewesen w'äre, auf den von Ghega geplanten Steigungen diejenige Zugkraft und Fahrgeschwindigkeit zu entwickeln, die für einen wirtschaftlichen Betrieb erforderlichwaren. Das wußten sowohl Ghega als auch seine Gegner genau. Aber Ghega wußte auch etw r as, was seine Gegner nicht wußten: daß die im Gang befindliche Entwicklung der Lokomotive rasch genug fortschritt, um für die Zeit der Betriebseröffnung Maschinen mit geeigneter Bauart erhoffen zu lassen. Ghega behielt recht. Daran ist gar nichts Wunderbares; denn er war durchaus nicht, wie ein begabter und erfolgreicher Romanschriftsteller anläßlich des Semmeringjubiläums behauptete, ein Romantiker, der seiner Phantasie die Zügel schießen ließ, sondern er hat als Doktor der Mathematik auch das Semmeringproblem als eine riesige Rechenaufgabe behandelt und gelöst.
Die Semmeringbahn leitete eine neue Epoche des Eisenbahnbaues ein. Die Wissenschaft kennt den Begriff der „österreichischen Schule des Eisenbahnbaues“, in dem alle Neuerungen zusammengefaßt sind, die dieser Bau gebracht hat. Diese österreichische Schule ist aber keineswegs etw r a nach der Yollendung der Semmeringbahn erstarrt; sie hat sich vielmehr mit äußerster Vielseitigkeit weiterentwickelt, als in den folgenden drei Jahrzehnten die Alpenbahnen über den Brennerpaß, durch das Drautal über das Toblacherfeld, von St. Valentin nach Villach—Tarvis (Rudolfsbahn) und über den Arlberg erbaut wurden, wobei sich wiederum eine unerschöpfliche Fülle neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer praktischen Anwendung ergab. Und noch einmal folgte eine Periode glänzender österreichischer Eisenbahn«
Abb. 7. Die Semmeringbahn, erbaut 1848—1854, Ansicht der Polleroswand gegen die Rax.