Das österreichische Verkehrswesen.
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bautätigkeit, als 1900 bis 1910 im Rahmen eines gewaltigen Bauprogrammes auch die vier „neuen Alpenbahnen“, die Tauern-, Pyhrn-, Karawanken- und Wocheinerbahn mit ihrer Fortsetzung von Görz über den Karst bis nach Triest entstanden. Bei diesen Bauten lagen etwa 350 km in echtem Hochgebirgsgelände mit allen dieses kennzeichnenden Schwierigkeiten, so daß allein vier Scheiteltunnels von zusammen rund 27 km Länge erforderlich waren. Diese „neuen Alpenbahnen“ kennzeichnen insofern einen neuen Hauptabschnitt in der Geschichte der österreichischen Schule des Eisenbahnbaues, als sie die alten, seit dem Semmering bewährten Überlieferungen unter Verwertung der allerneuesten anderweitig gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse ausgestalteten, z. B. durch ausgedehnteste Ausnützung der Elektrizität für Beleuchtung, Lüftung,
Bohrung und Förderung in den größeren Tunnels, durch Anwendung von Beton und Eisenbeton bei den Kunstbauten und durch Benützung der vollkommensten geodätischen Verfahren bei der Trassierung.
Wenn wir den obersten Führern bei diesen Bauten unsere Dankesschuld durch Kennung der Kamen Etzel, Lott und Wubmb abtragen, so soll dies kein Undank gegen die Dutzende von hervorragenden Unterführern und gegen die vielen Hunderte von verdienstvollen Mitarbeitern sein, die ihnen zur Seite standen und am Erfolg ihren großen ehrlichen Anteil haben.
Diese glanzvolle Arbeit der Eisenbahnbauingenieure findet ihr Gegenstück in der der Eisenbahnmaschineningenieure. Hier müssen wir vor allem der Arbeit Wilhelm Freiherrn von Engerths gedenken, der anfangs der fünfziger Jahre auf Grund der bei einem öffentlichen Wettbewerb gewonnenen Erfahrungen die nach ihm benannte erste tadellos brauchbare Gebirgslokomotive schuf, die dann viele Jahre lang führend blieb. Weltruf hat sich nach ihm Karl Gölsdorf erworben, an den unter vielen anderen Dingen eine schwere Gebirgslokomotive mit sechs gekuppelten Achsen erinnert. Und wir können ruhig den österreichischen Verdiensten um das Lokomotivwesen auch die Erfolge einer Anzahl von Engländern zurechnen, die frühzeitig nach Österreich oder Deutschland einwanderten und hier ihre zweite Heimat fanden, wie Baillie, Hall und Haswell, und von denen eine Menge von Keuerungen stammen, die teilweise später wieder aufgegriffen wurden und unter anderen Kamen weite Verbreitung fanden.
Die Kohlenarmut infolge der Verluste der größten altösterreichischen Kohlengebiete durch die Folgen des Weltkrieges hat Österreich genötigt, 1919 die Elektrifizierung der Alpenbahnen in Angriff zu nehmen. Bisher sind von den Hauptstrecken Salzburg—Bodensee und Kufstein—Brenner, 517 km, für elektrischen Betrieb eingerichtet worden. Den hiefür sowie für einige elektrisch betriebene andere Haupt-
Abb. 8. Die erste Gebirgslokomotive, 1853, von Wilhelm Freiherr von Engerth.
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