Aufsatz 
Österreich als Ingenieurland
Entstehung
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Bruno Enderes: Das österreichische Verkehrswesen.

1929 hat die Turbinenfabrik I. M. Voith in St. Pölten gemeinsam mit dem Erfinder Ingenieur Schneider in Wien einen neuen Schraubenradschiffspropeller herausgebracht, dessen fliegend an einem vertikalachsigen Rotor gelagerte Schaufeln während des Umlaufes um die gemeinsame Hauptachse bezüglich des Radkörpers in achsparallelen Drehungen schwingen. Das Propellerrad ersetzt gleichzeitig die Steuereinrichtung. Die ersten Fahrten mit dem Versuchsboot haben guten Wirkungs­grad, erschütterungsfreien Gang und außerordentliche Manövrierfähigkeit er­wiesen, so daß die baldige Einführung in der Binnenschiffahrt zu erwarten ist.

Luftfahrt. Paul Hänlein baute in Wien 1872 das erste halbstarre Lenk- luftscliiff. Er führte dabei den Explosionsmotor (Lenoir- Gasmotor) in die Luft­fahrt ein. 1897 baute David Schwarz das erste Ganzmetall-Luftschiff aus Alu­minium. 1910 folgte der unstarre Körting-Ballon und 1911 der größte unstarre Lenkballon Stagl-Mannsbarth, der 91 m lang war.

Wilhelm Kress arbeitete seit 1877 an Flugzeugmodellen, die in ihren Trag­flächen und Steuerungseinrichtungen die Kennzeichen der späteren Flugmaschinen auf weisen, und baute 1899 ein Wasserflugzeug. Der Motor war jedoch zu schwer und Kress konnte nicht das nötige Geld für ein zweites Flugzeug mit leichterem Motor auf bringen. Die Aerounautical Institution in London ernannte Kress 1903 zum Ehrenmitglied. Igo Ettrich führte seit 1910 mit einem Motorflugzeug Über­landflüge von 110 km aus. Dieses, mit seinen besonderen Stabilisierungsprinzipien, wurde das Vorbild vieler Nachahmungen. Zur gleichen Zeit machte der Doppel­decker von Warchalowski Überlandflüge von 120 km.

Im Weltkrieg entwickelten sich die österreichischen Bauarten vorzüglich. Der Vertrag von St. Germain beraubte jedoch Österreich aller Früchte dieser Arbeit.

Kann auch Österreich darnach selbst keine Flugzeuge bauen, so ist es doch infolge seiner Mittenlage in Europa zu einem wichtigen Glied im europäischen Luft­verkehr geworden. Es besitzt heute fünf Flughäfen in Wien, Graz, Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck, auf denen die Österreichische Luftverkehrs-Aktiengesell­schaft und neun ausländische Gesellschaften den Verkehr bedienen. 1930 hat die gesamte Verkehrsleistung auf den in Österreich regelmäßig betriebenen Fluglinien 1337105 km betragen, die Zahl der Reisenden 14000 und das Gewicht der beför­derten Güter 742711 kg. Überdies hat die Österreichische Luft Verkehrs- A. G. im Ausland 727753 km geflogen und dabei 7869 Reisende und 209367 kg Güter beför­dert. 1930 hat die Regelmäßigkeit im Flugverkehr 87% erreicht.

Nachrichtenverkehr. Zur Förderung des öffentlichen Nachrichten Ver­kehres, des kulturellen und wirtschaftlichen Lebensnervs, hat die österreichische Post- und Telegraphenverwaltung alle technischen Errungenschaften nutzbar gemacht. Zu den Bahnpostkursen, der wichtigsten Beförderungsart auf w r eiten Strecken, kamen 1907 in Tirol die ersten Postkraftw'agenlinien, die sich zu einem wichtigen Werkzeug des Reise Verkehres entwickelt haben. 1930 entstanden in Österreich 223 Überlandlinien mit einer Gesamtstreckenlänge von 8406 km. Über die wichtigen Alpenpässe, Radstädter Tauern (1738 m Seehöhe) und Arlberg (1802 m Seehöhe), wird der Post verkehr auch im Winter mit Motorschlitten aufrechterhalten. Der Flugpostdienst, dessen Anfänge in den Weltkrieg fallen, wird jetzt durch die