Aufsatz 
Österreich als Ingenieurland
Entstehung
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Ernst Stelzer

In der Industrie der Faserstoffe betätigte sich Österreich hauptsächlich in der Flachs- und Streichgarnspinnerei. G. Josephy erfand 1877 einen Florteiler, der die von E. Gessner in Aue umgestaltete Streichgarnspinnerei wesentlich ver­besserte. Josephy brachte auch 1888 einen Streichgarnselfaktor mit dreifacher Spindelgeschwindigkeit und Trennung des Spindelbetriebes vom Wagen- und Zylinderantrieb heraus. 1894 folgte ein Selfaktor mit wechselnder Wagenauszugs­bewegung und kurze Zeit hierauf eine selbsttätige Abstellung des Selfaktors bei Erreichung einer bestimmten Spinnarbeit. Auf dem Gebiete der Weberei hatte sich Österreich Verdienste in der Seidenweberei durch Hornbostel und Bischof erworben. In den letzten fünf Dezennien sind in Österreich hauptsächlich Erfin­dungen auf dem Gebiete der Schafwollweberei hervorzuheben. Schwabe konstruierte Webstühle mit siebenschützigem Wechsel bei vollständig zwangsläufiger Bewegung, sowie mit zwangsläufiger Schlagbewegung. In der Bekleidungsindustrie ist Öster-

Abb. 11. Das erste Unterseetorpedo, gebaut 1866 von J. Lupis und R. Whitehead in Fiume.

reich mit Berechtigung stolz auf den Nähapparat von J. Madersperger aus dem Jahre 1839, da diese den ersten Doppelkettenstich der Welt ausgeführt hat. A. Matitsch erfand 1899 eine Schlittenspulen-Klöppelmaschine, die den Weg zur maschinellen Erzeugung der echten Klöppelspitze weist. Auch das Problem der Teppichknüpfmaschine wurde in Österreich der Lösung zugeführt. M. Banyai überwand in mühevoller Arbeit i. J. 1916 alle Hindernisse und mit seinen Teppich­knüpfmaschinen wurde 1925 die erste Fabrik in Pottendorf bei Wien errichtet, die Teppiche von 18000 bis 150000 Knoten auf einem Quadratmeter erzeugt. Ungefähr 80000 m 2 Teppiche werden von dort aus jährlich im In- und Auslande abgesetzt.

Die österreichische Papierindustrie stellte sich frühzeitig auf das Holz als Rohstoff ein, sie hatte jedoch in der Verarbeitung von Stroh die Priorität für das heutige Verfahren durch A. Estler in Wien erworben; in der Seidenpapiererzeugung zeichnete sich P. Piette durch neue Verfahren besonders für die Einfärbung aus. Der erste Papierkalander in Europa wurde von dem österreichischen Papiertechniker Loba in Graz gebaut und die von C. Th. Bischof in Wien erfundene Rollen-, Wickel­und Schneidmaschine zur Herstellung von versandfähigen Papierrollen für Rotations­pressen ist über die ganze Welt gegangen. In der Natronzellulosefabrikation hat das Ungerer-Verfahren eine außerordentlich bleichfähige Natronzellulose geliefert und in der Sulfitzelluloseerzeugung hat sich das Ritter-Kellner-Verfahren für die Massenerzeugung besonders bewährt. Die Papierprüfung auf wissenschaftlicher Grundlage wurde von Dr. W. Exner in Wien eingeführt. Im Schriftwesen kann Österreich mit Stolz auf seine erste Typenhebelschreibmaschine von P. Mitter­hofer aus dem Jahre 1864 hinweisen.