Technisch-wissenschaftliche Institutionen.
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Eine auch für das Ausland mehrfach vorbildlich gewordene Ausgestaltung erfuhr in Österreich — von Frh. v. Dumreicher im Jahre 1874 angeregt — das technisch-gewerbliche Mittelschulw r esen durch Errichtung der sogenannten „Höheren Staatsgewerbeschulen“ (jetzt als Technisch-Gewerbliche Bundeslehranstalten bezeichnet) mit abschließender Maturitätsprüfung für das bautechnische, maschinentechnische und chemische Fach sowhe für einzelne technische Sondergebiete. Einen über die Grenzen des Staates w T eit hinausreichenden Ruf erlangten hievon in Wien namentlich das im Jahre 1879 vom Niederösterreichischen Gewerbeverein gegründete und von Wilhelm Exner organisierte Technologische Gewerbe-Museum, die seit 1889 bestehende Graphische Lehr- und Versuchsanstalt unter der Leitung von J. M. Eder und die von R. v. Eitelberger organisierte Kunstgew'erbeschule am Österr. Museum für Kunst und Industrie mit einer chemischen Versuchsanstalt für Keramik, Glaswaren und Email.
Mit der Vertiefung in der Pflege der technischen Wissenschaften stiegen auch Geltung und Ansehen des Ingenieur Standes in Staat und Gesellschaft, was unter anderem auch darin zum Ausdrucke kam, daß im Jahre 1917 die Standesbezeichnung „Ingenieur“ durch eine kaiserliche Verordnung gesetzlichen Schutz erhielt, und daß die Akademie der Wissenschaften im Jahre 1925 die Zahl ihrer wirklichen Mitglieder in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse um drei vermehrte, um den Vertretern der technischen Wissenschaften eine verstärkte Berücksichtigung angedeihen zu lassen.
Auch das Schrifttum über die Bedeutung der Technik im modernen Kulturleben fand in Österreich wertvolle Bereicherung, vor allem durch das epochale Werk von Prof. Max Kraft „Das System der technischen Arbeit“ (Verlag A. Felix, Leipzig 1902), w r orin die ethischen, die wirtschaftlichen, die rechtlichen und die technischen Grundlagen der technischen Arbeit umfassend behandelt w'erden.
Eine führende Rolle hatte Österreich während der letzten fünf Jahrzehnte in der Ausgestaltung und Pflege des technischen Versuchs Wesens. Hier war es namentlich Wilhelm Exner, der die Bedeutung des technischen Versuches und der Materialprüfung für die wissenschaftliche Beeinflussung der Gütererzeugung und des Verkehrswesens frühzeitig erkannt und in dieser Erkenntnis nicht nur zahlreiche Versuchsanstalten für die verschiedenen Zweige der Technik gegründet oder angeregt, sondern auch dahin gewirkt hatte, daß ihnen im Wege der Gesetzgebung (lex Exner 1910) das Recht eingeräumt werde, Zeugnisse auszustellen, denen der Charakter öffentlicher Urkunden zukommt. Als Exekutivorgan für die Handhabung dieses Gesetzes sowie für die Verwaltung des Versuchswesens überhaupt werde mit Exner als Präsidenten an der Spitze im Jahre 1912 ein staatliches Technisches Versuchsamt errichtet. Gegenwärtig sind in der Republik Österreich 43 Versuchsanstalten für die verschiedenen Zw'eige der Technik staatlich autorisiert; darunter sind in Wien als Anstalten für Spezialgebiete besonders hervorzuheben die Papierprüfungsanstalt am Technologischen Gewerbe-Museum (gegründet 1885), die Graphische Versuchsanstalt (errichtet 1889), die Technische Untersuchungsanstalt für Edelsteine und Perlen, das Forschungsinstitut für Textilindustrie, dann die Versuchsanstalten für Kraftfahrzeuge, für Radiotechnik, für geodätische Instrumente, für Behelfe der Zeitmessung (Uhren), die Röntgentechni-