Aufsatz 
Thyrsenblut / von Franz Sedlacek
Entstehung
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Franz Sedlacek

durch zwei Stunden erhalten. Das abfließende Öl bewahrt man auf. 1 Der arabische Autor führt auch die Krankheiten an, gegen die das Öl hilft. 2 Die Ähnlichkeit dieser Arbeitsmethode mit dem Tiroler Steinölbrennen ist auffallend.

Von der medizinischen Verwendung des Tiroler Dirschenöles gibt uns eine alte Gebrauchsanweisung ein Bild. 3

Krafft / Tugend und Würkung dess gerechten / approbirten und unverfälsch­ten Dürsten Blut / oder Stein-Öls / welches gefunden wird an dem Seefeld / am Härmel Joch / in der Fürstlichen Grafschaft Tyrol.

Erstens / ist dises Öl gut für alles Gif ft / den Leuthen zu gebrauchen / in der Zeit der Pestilenz / und wan die Ungarische Krankheit regiert / solches in einem Siipplein eingenommen / und darmit gerauchet. Auch so ein Mensch den aussbeissenden Wurm an seinem Leib hat / dises Öl angeschmiert / es vertreibt ihn. Und für die wilden Schüss im Kopf / nimb Wein-Essig und so viel Stein-Öl / untereinander gemachet / und die Schiäff darmit geschmiert / es wird besser. Wie auch für den Zahnwehe / ein oder zween Tropften auff ein Baumwoll ge­lassen / und auff den Zahn gelegt / es wird besser. Item / es löschet den Brandt und ist gut / für alle Wildnussen.

Zum andern: Ist es auch gut dem Vieh zu gebrauchen für alles Gifft / auch für Spitzmäuss / Nattern und Wisslen / in den Ställen dieselben zu vertreiben. Auch so ein Vieh geheckt oder gebissen / aufgeblahet oder geschwollen ist / solches eingeben / und darmit geraucht auff einer Glut / so wird es besser. Dessgleichen kan mans auch anschmieren in den Schlichten / so komt ein lange Zeit kein Unziffer darzu. Auch so ein Pferd geschwollen ist / oder sonst einen alten Schaden hat / denselben mit disem Öl geschmiert / so haylet es. Item / so die Kühe trüben oder Blutharnen / von disem Öl 40 oder öOTropffen eingeben /so stellet es ihnen: und so das Vieh einander reittet / solches Öl auf der Rucken geschmieret / so wird es besser.

Das Mittel war also wirklichfür Vieh und Leut guet!

Als das früher erwähnte, dem Abraham Schnitzer erteilte Privileg abgelaufen war, scheint das Steinölbrennen von den Bauern in der Gegend von Reith, Seefeld und Scharnitz allgemeiner ausgeübt worden zu sein. Vielleicht war es sogar in manchen Familien erblich, wie der Zusatz der BezeichnungOlearius zum Familien­namen in den Sterberegistern der Pfarre Seefeld vermuten läßt. 4

Diese bäuerliche Ölbrennerei bestand bis gegen 1840, als sich durch die fast gleichzeitige Gründung zweier Gesellschaften der Übergang zur industriellen Aus­beutung der Ölschieferlager vollzog. Erzherzog Maximilian von Österreich erwarb einen großen Teil der Grubenflächen und erbaute in Reith eine Fabrik, die sogenannte Maximilianshütte, die das Gestein auf Asphalt verarbeitete, den man bei Festungs­bauten, wie denMaximilianischen Türmen von Linz, auch bei Wiener Straßen­bauten zu verwenden gedachte. 5

1 Ludw. Winkler, Pharmazeut. Monatshefte, 4. Jahrg., 106.

2 Plinius und Dioskorides (und viele ihrer Nachselireiber) behandeln den Lapis gagates und seine Heilkräfte, erwähnen jedoch nichts von einem daraus gewonnenen Öl.

3 Ludw. Winkler, Pharmazeut. Monatshefte, 4. Jahrg., 105.

4 Private Mitteilung des Herrn Dr. Heinz v. Falser.

5 Für das Stadtparktrottoir am Stubentor in Wien wurde Seefelder Asphalt verwendet.