Der Geistschacht am Röhrerbühel in Tirol
Von
Universitäts-Dozent Dr. Guido Hradil, Innsbruck.
Mit 3 Abbildungen.
Westlich der Eisenbahnhaltestelle Oberndorf zwischen Kitzbühel und St. Johann in Tirol erstreckt sich ein reichgegliedertes Hügelland, das Bühlach, dessen höchste Erhebungen kaum 100 m über das Talgelände der Kitzbühler Ache emporragen.
Dies ist das Gelände eines der ehemals bedeutendsten Bergbaubetriebe Tirols. Eine unscheinbare Holzhütte deckt den Zugang zu dem verfallenen Geistschacht, der mit seinen 900 m Teufe einst zu den tiefsten der Erde gehörte. Hier ging der alte Bergbau „Am Röhrerbühel“ um.
Die Anfänge bergbaulicher Tätigkeit am Röhrerbühel liegen aller Wahrscheinlichkeit nach in dunkler, vorhistorischer Zeit. Die spätere emsige Rührigkeit hat wohl alle vorhandenen Spuren aus jenen Tagen verwischt, so daß nichts Zeugnis abgibt für die Art und den Umfang jener Arbeiten. Sicher hatte man frühzeitig im Lande die Bedeutung des Röhrerbühels erkannt, denn nicht umsonst nannte man ihn ,,des edlen Landes Kleinod“. Phantastisch und märchenhaft mutet uns die Wiedererweckung des alten Bergbaues im 16. Jahrhundert an, wie sie uns Sperges in seiner Bergwerksgeschichte Tirols berichtet : im Jahre 1539 sollen am St. Michaelstage (29. September) „drei wohlbezöchte Pauern“ auf dem Heimwege von einem Kirchweihfeste ermüdet in den Büheln ,,an der Ach“, d. i. im „Bühlach“, von der Nacht überrascht und unter einem Kirschbaum eingeschlafen sein. Da sahen sie im Traume „einen Schatz erblühen“; das im Boden verborgene Erz ließ Blätter und Früchte des Baumes wie im Lichte eines Karfunkelsteins silbern und goldig erstrahlen. Sie schürften in der Folge dann an dieser Stelle und fanden die schönsten Silber- und Kupfererze. Sperges gab der Vermutung Ausdruck, daß nicht Bauern, sondern bergwerkskundige Leute aus irgendwelchen Anzeichen auf das Vorhandensein von Erzen in dieser Gegend geschlossen hatten und, um nicht in den Verdacht zu kommen, mit dem Bösen im Bunde zu sein, die Geschichte mit dem Traume erfanden, da sie ihre erfolgreiche Entdeckung lieber einer göttlichen Eingebung als ihren eigenen Kenntnissen und ihrer Geschicklichkeit verdanken wollten. Schon im folgenden Jahre erhielt Michel Rainer, einer der drei glücklichen Träumer, vom Bergrichter zu Kitzbühel den ersten Mutschurf und benannte den Eundschacht: „Zu St. Michael und zu Unserer lieben Frauen.“
Fast hundert Jahre lang währte ungemindert der reiche Bergsegen, der über dem stillen Hügellande um den Röhrerbühel lag. Erst im Jahre 1774 kam dort der Bergbau zum Erliegen.
Im Laufe der ersten Jahre wurden sechs Schächte aufgeschlagen: bei St. Daniel, der Geist- oder Geisterschacht, der Fundschacht zu St. Michael, der Gsöllenbau, der Schacht in der Reinanken, der Fuggerbau. Um das eingedrungene Wasser fernzuhalten, verwendete man eine Wasserhebemaschine, die „böhmische Kunst“ genannt, die im wesentlichen aus einem oberschlächtigen Wasserrad bestand.
Geschichte der Technik, H. 1.
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