Sondergewerbe in der Eisenwurzen. 113
fertigten Waren sicherten Steyr und der Eisenwurzen eine reichlich fließende Einnahmequelle.
Mit Wien an Bedeutung und Wohlhabenheit wetteifernd, war Steyr lange Zeit ein Mittelpunkt des innerösterreichischen Handels und die Metropole des europäischen Eisenwesens. Ein Patriziat wuchs heran, das den Handel mit Eisen monopolisierte, Hammermeister und Handwerker gründlich ausbeutete, im Rat der Stadt das große Wort führte, recht fleißig städtischen und ländlichen Grundbesitz ankaufte, sich Edelsitze erbaute, auf denen es, durch des Kaisers Gunst im Stande erhöht, als „steyrischer Eisenadel“ förmlich Hof hielt.
Und doch verdankt Steyr dieser Plutokratie viel. Keine andere österreichische Stadt, When ausgenommen, beherbergte eine solche Fülle bürgerlichen Kunstsinnes, wie Steyr in den Tagen seines Glanzes. Die schmalen Gäßchen mit den ■winkeligen Engpässen und den malerischen Durchblicken auf ein Gewirr von Giebeln und erkergeschmückten Häuserfronten vergegenwärtigen als unvergängliche Zeugen einer stolzen Vergangenheit unserm Auge ein Stück Mittelalter, das fast nur mehr in Bildern und Erzählungen zu finden ist. Der nie verblassende Zauber dieser in anmutigster Landschaft hingebreiteten alten Eisenstadt nimmt heute noch ihre Besucher gefangen.
Ende des 16. Jahrhunderts äscherte eine gewaltige Feuersbrunst Eisenerz ein und gleichzeitig wurden viele Hammerstätten durch Hochwasser zerstört. Dazu trat noch die Verwirrung, die die Gegenreformation bewirkte. Der durch sie im Jahre 1595 hervorgerufene Bauernaufstand ergriff Steyr und Umgebung. Der Eisentransport wurde gestört und die Zufuhr von Proviant ins Innerberger Gebiet erschwert. Noch unheilvoller aber wurde die Verwirrung, nachdem Erzherzog Ferdinand von Österreich die Gegenreformation rücksichtslos, ja grausam betrieb. Die besten Handwerker verließen die Stadt und viele von ihnen wanderten bis ins Bergische Land und gründeten dort, in Solingen und Remscheid, die heute blühende Kleineisenindustrie.
Steyr stand an einem Abgrund, denn hunderte Häuser waren verlassen, die wenigen Einwohner quälte Hunger, und die Pest tat ihr übriges. Es bedurfte aller Anstrengungen der Zurückgebliebenen, um die kurz vorher noch so blühende-und mächtige Stadt vor dem Untergang zu bewahren. Mit Steyr zugleich stand das ganze Innerberger Eisenwesen vor seiner Auflösung. Ein Zwangsakt Kaiser Ferdinands II. faßte im Jahre 1625 alle Glieder dieses Eisenwesens — die Radwerke, die Hammermeister und Verleger — zu einer Körperschaft, der „Innerberger Hauptgewerkschaft“, zusammen, in der die Stadt Steyr, die 1628 die Mehrheit der Anteile an sich gebracht hatte, bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts ausschlaggebend war.
Nach Aufhebung der landesfürstlichen Zwangsverwaltung im Jahre 1781 ging die Leitung dieser Körperschaft auf Steyr über. Die Stadt wurde Sitz der Innerberger Hauptgewerkschaft, verkaufte aber im Jahre'1798 ihren Kapitalanteil an der Hauptgewerkschaft und verlor damit zur Gänze ihre Bedeutung als Zentrum des Innerberger Eisenwesens. Wiens ehemaliger Rivale träumte nun den stillen Traum einer Kleinstadt. Die wenigen Werkstätten mit ihren dröhnenden Hämmern und sausenden Schleifsteinen störten diese Beschaulichkeit nicht. Die Stadt wurde
Geschichte der Technik, II. 1.
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