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Karl Tänzer
Sommerfrische, in der unser unsterblicher Schubert beim Rauschen des Steyrflusses seine herrliche Forellenmelodie erlauschte.
Erst im Jahre 1855 weckte die nun einsetzende Ära Josef Werndls ihren Schlummer. Ein neuer Goldregen rieselte über die Stadt, sie ward zur Waffenschmiede der Welt. Werndls Unternehmen beherrschte wirtschaftlich die Stadt, gab lohnende Arbeit und schuf neuen Wohlstand, bis der Vertrag von St. Gormain mit seinem Verbot der Waffenerzeugung es ins innerste Mark traf. Nur vorübergehend vermochte die rasch vorgenommene Umstellung des Werkes in eine Automobilfabrik den riesengroßen Maschinensälen kräftig pulsierendes Leben einzuhauchen. Die Österreich umragenden hohen Zollmauern lähmen seine Produktionskraft, das Werk kann nicht leben, will aber und soll auch nicht sterben. Steyr ist heute das wieder, was es schon mehrmals in seiner Geschichte war: ein Opfer unglücklicher Zeitverhältnisse.
„Scharschacher“ nennen sich heute noch die Messerschmiede im Tal des Trattenbaches, der sich südlich von Steyr in die Enns ergießt. Scharschach oder Scharsach leitet sich von „scara sass“ ab. In einem Vocabularium der Stadt Venedig aus dem Jahre 1424 findet sich für die venetianische Bezeichnung des Rasiermessers, el rasore, die deutsche Übersetzung „Scharsach“. Unzweifelhaft ist Scharsach mit Scher- oder Rasiermesser identisch.
Die Trattenbacher Scharschacher gehörten anfangs zur Messererzunft von Steinbach a. d. Steyr. Ihre Zugehörigkeit zu dieser Zunft wird erstmalig 1422 erwähnt. Aber mit den Steinbachern standen die Trattenbacher fortwährend in Zank und Streit, sie trachteten von deren Zunft loszukommen. Auf den Besitzer der Herrschaft Steyr, Johann Maximilian Reichsgrafen von Lamberg, muß ihre Drohung, „eher außer Landes zu gehen, ehebevor sie mit dieser Zunft noch weiter heben und legen“, doch Eindruck gemacht haben. Am 14. Juni 1680 gewährte er ihnen das Recht, eine eigene, die Trattenbacher „Scharschacher Zunft“ zu bilden.
Aus den Trattenbacher Zunftbüchern geht hervor, daß die Scharschacher frühzeitig schon Taschenfaltmesser, die sie Zauckerln nannten, erzeugten. Die Blütezeit der Trattenbacher Zauckerlschmiede war um das Jahr 1820. Damals gab es Scharschacher, die täglich bis zu 3000 Stück von diesen Taschenfaltmessern, daher wohl auch der Name „Feitel“ stammt, erzeugten.
Von diesen einfachen und billigen Messern wurden im Jahre 1885 noch über 16 Millionen Stück hergestellt, die in Rußland, Polen, auf dem Balkan und im Orient schlanken Absatz fanden. Heute sind Rußland, Polen und der Balkan als Absatzgebiete verloren gegangen; lediglich der Orient und Ostasien sind noch Abnehmer der Taschenfeitel. Durch die zunehmende Verfeinerung der Lebenshaltung auch der dortigen Völker droht diesem einst blühenden Gewerbe der Untergang. Etwa fünf Millionen Taschenfeitel betrug die vorjährige Produktion.
Im Jahre 1929 feierte in Molln a. d. Steyr die Zunft der „Maultrumblmacher“, die einzige dieser Art auf der ganzen Welt, ihren 250jährigen Bestand. Im Jahre 1679 gab es 23 Meister und 10 Gesellen, die in Massen dieses eigenartige Musikinstrument herstellten. Heute ist die Maultrommel, von der einst die Sage ging, daß kein Weib ihren Klängen widerstehen könne, in den deutschen Landen vergessen.