Solidergewerbe in der Eisenwurzen.
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eingeführten Waren drei Meilen in seinem Umkreis zugestanden, die außerdem in Steyr nicht mehr verzollt werden mußten.
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts war das Kleineisengewerbe in Waidhofen dem von Steyr ebenbürtig. Im Jahre 1450 wurden im Bereiche der Stadt 100 Messerschmiede, 00 Klingenschmiede, 10 Nagelschmiede, 10 Sensengewerken, 6 Zrenn- hammergew r erken, 10 Ring- und Panzerstricker, 20 Schrot- oder Knüttelschmiedemeister, 4 Drahtgewerken und 16 Bohrer- oder Neigerschmiede gezählt.
Die überragende Stellung Waidhofens in der Kleineisenindustrie geht daraus hervor, daß im Jahre 1550 ihre Messerschmiede mit denen der Städte Steyr, Wels, Krems, Melk und Wien die bedeutende und damals reichste Zunft, die „Gotts- leichnamszunft“, bildeten. Zur gleichen Zeit vereinigten sich die Waidhofener Bohrer- und Neigerschmiede mit denen von ganz Österreich und den deutschen Städten Nürnberg, Regensburg, Augsburg, Erfurt, Schmalkalden, Passau und Straubing zu einem Gewerbebund, nach dessen Satzungen nur die Werkstätten von Nürnberg, Waidhofen und Schmalkalden berechtigt waren, Lehrjungen aufzunehmen und freizusprechen. Nur jene Bohrerschmiede wurden vom Bunde als „redliche“ Gesellen anerkannt, die in einer dieser drei Städte ihr Handwerk erlernt hatten.
Die höchste Blüte der Eisenhandwerker fiel in das Jahr 1500. Zu dieser Zeit ließ ein „weiser, ehrsamber und fuersichtiger Rat“ der Stadt am Ybbsturm, der noch heute als Wahrzeichen Waidhofens seinen massigen Leib in die Lüfte reckt, die Inschrift anbringen: „Ferrum chalybsque urbis nutrimenta“ (Eisen und Stahl nähren die Stadt).
Ybbsitz, ehemals eine Besitzung des Benediktinerstiftes Seitenstetten, gehört mit zu den ältesten und wichtigsten Stätten der Kleineisenindustrie in der Eisenwurzen. Schon um das Jahr 1320 findet sich in einer Urkunde die Erwähnung, daß in Ybbsitz eine große Zahl Schmiede ansässig w r aren. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Stiftes Seitenstetten wurde der Ybbsitzer Schmiedschaft 1437 das Recht eingeräumt, jährlich vier Bund Halbmassel aus dem landesfürstlichen Eisenkasten in Innerberg zu beziehen. Hauptsächlich verarbeiteten aber die Schmiede von Ybbsitz Provianteisen, das direkt von den Innerberger Hammermeistern eingetauscht wurde. Das Eisen ging mit Saumtieren über die Mendling nach Göstling und von da in Fuhrwerken über die Kripp nach Ybbsitz. Wurden die Waidhofener von den Steyrern drangsaliert, so vergalten sie das redlich wieder den Ybbsitzern. Der Eisenobmann in Steyr hatte fortwährende Streitigkeiten beider Schmied- schaften und Händler zu schlichten.
Hammerstätten, Schmiedewerkstätten und Schleifen entstanden an den Ybbsitzer Wasserläufen, der kleinen Ybbs und dem Prollingbache, in großer Zahl. Im Jahre 1480 erhob Kaiser Friedrich III. Ybbsitz zum Markt. Ybbsitz muß bald darauf zu großem Wohlstand gelangt sein, denn schon um das Jahr 1520 wird für diese Gemeinde die Bezeichnung das „goldene Marktl“ üblich. Im Jahre 1572 wurden in Ybbsitz 90 Schmiedegewerke, darunter 33 Hacken- und 22 Krautmesserschmiede, gezählt. Diese Zahl schrumpfte bis 1732 auf 72 zusammen und sank bis 1860 auf 56 Meister, die allerdings 308 Gesellen beschäftigten. Im Jahre 1808 gab es noch 63 Meister mit 20 Wasserhämmern, die jährlich 9000 Zentner Eisen