Aufsatz 
Sondergewerbe in der Eisenwurzen / von Karl Tanzer
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Karl Tänzer

fälschungen und verfügte, daß jede Ware bei sonstiger Konfiskation außer dem Meisterzeichen noch den Innungsbeischlag führen müßte. Kaiser Josef II. geneh­migte den Kirchdorf-Micheldorfer Sensengewerken, die ja unter den Fälschungen am meisten zu leiden hatten, mit Patent vom 16. Dezember 1775, außer der Führung des Meisterzeichens und des Innungsbeischlages noch das Einschlagen des öster­reichischen Erblands Wappens.

Dennoch wurden die bekanntesten Marken vom Ausland nachgeschlagen oder der Versuch gemacht, den Käufer durch allzu große Ähnlichkeit zu täuschen. Sehr häufig mußten die österreichischen diplomatischen Vertretungen im Ausland, besonders jene bei den deutschen Kleinstaaten, in Bewegung gesetzt werden, um dem Unfug des Markennachschlagens zu steuern. Erst als die meisten Kulturstaaten Gesetze über den Schutz der Marken hatten, was in der zweiten Hälfte des ver­flossenen Jahrhunderts der Fall war, konnten die Sensenwerke in Österreich auf- atmen. Gut zu machen war aber der angerichtete Schaden nicht, dazu w r ar es zu spät.

Das Schicksal einer einst weit berühmten Marke sei hier erwähnt. Es ist die Wolfsmarke der Passauer Klingenschmiede, die Innerberger Stahl verarbeiteten und als vorgeschobener Posten der Eisenwurzen angesehen werden müssen.

Unter den Handwerkern von Passau ragten besonders die Klingenschmiede hervor, die aus Innerberger Stahl kleine und große Messer, Schwert- und Dolch­klingen fertigten. Ihre Zunft muß schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts vom Fürstbischof von Passau, dem Landesherrn, anerkannt worden sein. Erstmalig erscheint ihre Zunftfreiheit urkundlich im Jahre 1299 bestätigt und 1344 wird ihre Marke monopolisiert. Diese, nach dem Wappen der Stadt, dem Wolf, ge­bildet, wurde alsBeschau erst angebracht, nachdem ein eigenes Handwerks­gericht die Güte der Ware geprüft hatte. Im Jahre 1368 wurde in einer Schmied­freiheit diese Marke vom Fürstbischof Albrecht (von Winkel) III. erneuert, be­stätigt und bekräftigt. Auch Herzog Albrecht III. von Österreich (1379 bis 1395) erteilte den Messer- und Klingenschmieden in Passau das Privileg, daß in allen seinen Ländern bei schwerer Strafe niemand das Zeichen des Wolfes nachahmen dürfe.

Welches Ansehen und welchen weithin berühmten Ruf die Passauer Klingen schon im 15. Jahrhundert hatten, geht daraus hervor, daß um diese Zeit schon die Dolchschmiede von Toledo in Spanien die Wolfsmarke nachahmten. In diesem Jahrhundert standen die Klingenschmiede auf der Höhe ihres technischen Könnens. Sie beschäftigten in ihren Werkstätten, die in den heute noch an sie gemahnenden Messer- und Klingergasse lagen, zahlreiche Gesellen. Ihre Hammerwerke, in denen sie die rohe Schmiedearbeit, das Zainen, besorgten, ebenso ihre Schleifwerkstätten, lagen in der Innstadt. Die Passauer Zunft der Klingenschmiede war zu jener Zeit für alle deutschen Messerzünfte dasselbe, was zur gleichen Zeit dieBauhütte in Straßburg für die Steinmetzzünfte war.

Fürstbischof Urban (von Trenbach) I. (1561 bis 1598) führte in strengster Weise die Gegenreformation durch, weshalb die tüchtigsten Bürger von Passau, besonders die Klingenschmiede, auswanderten. Wahrscheinlich sind einige von ihnen bis ins Bergische Land gelangt und haben die nachmals aufgetauchte Solinger Wolfsklinge zum erstenmal angefertigt.