Aufsatz 
Sondergewerbe in der Eisenwurzen / von Karl Tanzer
Entstehung
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Sondergewerbe in der Eisenwurzen.

Das Zunftwesen.

Sämtliche Zweige der Eisenverarbeitung waren einst in den Rahmen der mittelalterlichen Zunftverfassung eingezwängt, der aber nicht zuletzt die eisen­verarbeitenden Gewerbe um den Erzberg ihre hohe Blüte verdankten. Die Zünfte der Schmiede, auf dem Wesen der Arbeitsteilung beruhend, erhielten in Österreich im 14. Jahrhundert schon ihre eigenen körperschaftlichen Rechte und Pflichten. Das Zunftw'esen war mit seinen Bindungen und Einengungen für den damaligen Kleinbetrieb dasselbe, was für die heutige Großindustrie das Kartellwesen ist. Es regelte die Erzeugung und Preise, schloß unerwünschten, alsunzünftig be- zeichneten Wettbewerb aus, führte unnachsichtlich gegen Außenseiter, die Frötter und Störer, einen erbitterten Kampf und war schließlich bestrebt, sich ein Absatz­monopol zu sichern, w r as ja durch das Marken wesen zum Teil auch erreicht wurde.

Das Zunftwesen war auf dem Lehenwesen auf gebaut. Das Recht auf Arbeit wurde vom Arbeiter ausdrücklich als ein ihm von Gott und der Obrigkeit verliehenes betrachtet. Die Arbeit selbst war ein Amt, das die Obrigkeit der freien Einigung der Berufsgenossen, der Innung, zum Lehen gab. Und die Innung belehnte ihrer­seits mit diesem Amt den Meister, nachdem sie ihm das Meisterrecht verliehen hatte.

Mit der josefinischen Epoche beginnen sich die ersten Risse in dem festgefügten Bau der Zunftordnung einzustellen. Die gewerbliche Organisation des Eisenwesens blieb freilich noch die alte. Sie folgte nicht dem Zug der Zeit, der beispielsweise in der Textilindustrie zur Bildung von Großbetrieben, der Fabriken und Manufak­turen, drängte. Bis ins 19. Jahrhundert verharrte die Eisenverarbeitung bei ihrer patriarchalischen Verfassung mit ihren Vorzügen und Mängeln. Sie blieb zünftiger Ordnung und Engherzigkeit unterwarfen.

Mit Beginn des Jahres 1700 begann der bislang stockende Absatz des Eisens sich zu bessern. Ein Frührot besserer Zeiten strahlte auf. Nachdem sich die Stürme, die dem Regierungsantritt der Kaiserin Maria Theresia gefolgt waren, gelegt hatten, belebte sich Handel und Industrie, Eisenhunger machte sich fühlbar. Die Nachfrage nach Eisen wurde so stürmisch, daß böhmisches und mährisches Eisen zum erstenmal nach Innerösterreich herein durfte. Die Roheisenausfuhr dagegen wurde gedrosselt. Der Handel nach dem Osten, den Maria Theresia auf Weisung des Papstes untersagt hatte, wurde wüeder gestattet. Damit erschloß sich dem steirischen Eisen das ungeheure Absatzgebiet des damaligen osmanischen Riesen­reiches.

Die Sensenindustrie trat nun vor allem in den Scheitelpunkt ihrer Entwicklung. Ihr hoher Ruf zeigte sich an der kaum zu befriedigenden Nachfrage. Das Absatz­gebiet der Sensenwerke dehnte sich vom Ural bis nach Spanien aus. Jahrhunderte­lang hatten es die Sensenschmiede verstanden, den Weltmarkt gegen eine neid- und haßerfüllte Konkurrenz zu behaupten. Nun kam die Zeit reichster Ernte. Die Lebensführung der Herren vom schw r arzen Adel wurde üppig, nicht minder jedoch die ihrer Dienstnehmer. Die Kirchdörfer Sensengewerke tischten zu jener Zeit täglich ihren Schmiedknechten Braten auf, w r obei sich die Arbeiter nach Herzens­lust an freiwillig dazu gespendetem Wein gütlich tun konnten.

Doch diese Tage der Üppigkeit gingen bald vorbei. Josef II. hob am 29. De-