Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft / von Eduard Merlicek
Entstehung
Seite
146
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Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft.

Von

Ministerialrat Ing. Eduard Merlicek.

Mit 4 Abbildungen.

Seit alten Zeiten bestehen in den österreichischen Erblanden mehrere Anlagen der Wasserbaukunst, die alle in ihrem Grundgedanken, im Entwurf die gleiche Eigenart aufweisen. Nach einer früher, schon im Altertum bekannten Bauweise sind aus einzelnen Flüssen Seitenarme abgezweigt, die als Hochwasserent­lastung zu betrachten sind, zugleich aber als Zubringer für die Bewässerung ausgedehnter Ländereien noch heute ihren vorzüglichen Dienst versehen. Die uns am nächsten stehenden derartigen Anlagen finden wir in der Umgebung von Wiener Neustadt, derNeustadt, wie sie früher hieß, einer Neugründung für die auf­gelassene GrenzfestePiitten. Hier in derNewenstatt hatten die österreichi­schen Herzoge wiederholt ihren Sitz, besonders wenn es galt, sich gegen die kriegeri­schen Angriffe der Ungarn zu rüsten, und diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß man dem unfruchtbaren Steinfelde eine erhöhte Aufmerksamkeit zu wendete.

Von alters her zweigt aus der Schwarza oberhalb Neunkirchen der Kehrbach ab, der in seinem 24 km langen Lauf künstlich verzweigt ist und ausgedehntes Wiesenland bewässert. Friedrich III., der durch lange Zeit in Neustadt residierte, hat diesem Flusse durch Aushebung eines neuen Grabens (Bachstatt) einen besseren Lauf gegeben und 1453 hierüber eine eigene Urkunde ausgestellt, in der es unter anderem heißt, daß der Kaiseroberhalb beb ©üf^bübcl einen neuen ©raben über bab trufene Stamfclb, ba feine wtfmiab noch attbetb ja mäffern ligt, auf feine Äoften machen taffen, um bab in fimffttgcn fetten baffelb maffer babutcb berab in feinen tbiergarten unb in bte iBorftabt rinnen foil, rote cb bei; feinen SSorbcrn auch gewefen ift. Doch foil ben nhfhnabern ber alt ©raben nach alt berfomen nicht abgenomen fepn, fonbern bab bie 2eut aub bcmfelbcn alten ©raben ibr rothmab mäffern mögen, alb offt cb not ift unb uon alter berfomen ift, bod) baf; bie Sent baffelb traffer bewahren, bamit eb berab nicht in bie toeege, noch in bie ©raben ber ißorftatt ju febaben flteffe, fonbern in ihren rotfen SSebaltcn unb SScmabrcn follcn." usw.

Aus diesem Wortlaute geht schon ein zweifacher Wert des Kehrhaches hervor, die Wiesenbewässerung und die Versorgung eines Teiles der Neustadt mit Nutz­wasser. Die Hochwasserentlastung der Schwarza war dem Gerinne von Natur aus eigen. Fügt man hiezu noch die später zugebaute Wasserversorgung des Wiener Neustädter Kanales sowie die Verwertung des Kehrbaches zur Holzschwemme in diesen Kanal, und bedenkt man, daß schließlich das verbleibende Überschuß­wasser noch in die wasserarme Fischa münden konnte, um hier eine Anzahl Mühlen und sonstiger Wasserwerke zu versorgen, so kann wohl gesagt werden, daß die Kehrbachanlage ein Musterbeispiel vielseitiger Wasserwirtschaft abgibt.

Ähnliche Anlagen, wenn auch nicht von solcher Vielseitigkeit, sind auch nörd­lich von Wr. Neustadt zu finden. Die Gemeinde Theresienfeld, eine Gründung