Eduard Merlicek: Beiträge zur Geschichte der österr. Wasserwirtschaft. 147
der großen Regentin aus dem Jahre 1763, entnimmt ihr Wasser von einem Hauptzubringer aus der Piesting, um es in unzähligen regelmäßigen Gräben auf ihre Felder und Wiesen zu verteilen und dadurch ebenfalls einen großen Teil des Steinfeldes fruchtbar zu machen. Aus dem gleichen Flusse entnimmt auch Felixdorf das Wasser zur Bewässerung seiner Acker- und Wiesengründe, „wo früher Heideland und magere Acker das Bild einer kulturarmen unfruchtbaren Gegend gaben“, um mit dem Chronisten zu sprechen. 1 Der Ort wurde ebenso wie Theresienfeld als Kolonie angelegt, und zwar über Anregung des Neustädter Bürgermeisters Felix Miessl, nach Entwürfen vom Jahre 1820. Die Anlage war in drei Jahren vollendet, ein Gelände von ungefähr 360 Joch nutzbar gemacht. Der Ort war in den Burgfrieden der Neustadt einbezogen und dem Magistrat untertänig. Die neuen Kolonisten genossen eine 35jährige Steuerfreiheit, über ihre Besitzungen wurde beim Stadtmagistrate ein eigenes Grundbuch errichtet.
Die Anlage Felixdorf bildet den Abschluß dieser merkwürdigen Schöpfungen am Steinfeld. Sie verteilen sich, wie wir gesehen haben, über einen Zeitraum von beiläufig 400 Jahren und erfüllten trotzdem den großen Zweck der Steinfeldbewässerung nicht lückenlos, wie dies etwa ein einheitliches, großzügiges Unternehmen hätte vollbringen können. Sie sind eben getreue Spiegelbilder jener zersplitterten Verfassung und Teilverwaltung, durch die Österreich und das ganze Deutschland in den damaligen Zeiten beherrscht war. Unter diesen ungünstigen Zeitverhältnissen ist es überhaupt zu verwundern, daß sie zustande kamen; sie sind technisch hochstehende Leistungen und erinnern in ihrem natürlichen und daher durchaus gesunden Aufbau an die Wasserwirtschaft altertümlicher Blüte.
Der gleiche gesunde Grundgedanke, überschüssiges Wasser aus Flüssen abzuleiten und nach Möglichkeit nutzbar zu machen, zeigt sich auch vielfach dort, wo es besonders darauf ankam, die Hochwassergefahr der Flüsse zu vermindern. So erfahren wir beispielsweise durch die bereits angeführte Chronik, daß ,,im Jahre 1806 oberhalb Neudörfel zum Schutze und zur Erhaltung der auf dieser Strecke, dann unterhalb dieses Ortes an beiden Ufern des Leithaflusses liegenden Orte und Gründe, die schon im Jahre 1804 als notwendig erkannten Durchschnittskanäle auf Kosten der beiden Länder Österreich und Ungarn gegraben, die-Untersuchung über die diesfällige Bauführung durch die Abgeordneten der n.-ö. Herrenstände und die Deputation des Ödenburger Komitates am 21. Oktober 1806 gepflogen, hierüber eine Mappe ausgefertigt und über die gemeinschaftliche Erhaltungspflicht eine Vergleichs-Urkunde errichtet“ wurde. (Ein Überrest dieses Regulierungswerkes dürfte der bei Katzelsdorf beginnende Kleine Kehrbach sein, der noch heute einige kleine Wasserwerke betreibt und sodann als Speisegraben in den Wr. Neustädter Kanal einmündet.)
Solche Teilregulierungen konnten Überschwemmungen nicht bannen, und so sehen wir auch hier die Leitha im Jahre 1813 wieder aus ihren Ufern treten und die Umgegend bis nach Wr. Neustadt in einen ungeheuren See verwandeln. Die Nachrichten von Überschwemmungen nehmen in den alten Chroniken der Städte überhaupt einen breiten Raum ein, und mehrfach sehen wir auch Stadtverwaltungen
1 Boeheims Chronik von Wiener-Neustadt. Wien 1863.
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