Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft / von Eduard Merlicek
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Beiträge zur Geschichte der österreichischen Wasserwirtschaft.

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und Herbstzeit und konnte auch den unterhalb der Stauweiher liegenden Mühlen das nötige Betriebswasser durch 3 bis 4 Monate zuwenden, während sie früher in dieser Zeit vollständig eingestellt werden mußten.

Obwohl dieses Werk nicht in dem vollen Umfange des Entwurfes ausgeführt wurde, hat es selbst in seiner Teilwirkung die große wirtschaftliche Bedeutung und die segensreichen Folgen des angebahnten Wasserausgleiches klar erwiesen.

Eine ähnliche Anlage wurde im Quellgebiete der Görlitzer Neiße bei Reichenberg geschaffen. Den unmittelbaren Anstoß hiezu gab ein außergewöhnlich großes Hochwasser, das im August 1897 in den Tälern des Riesen- und Isergebirges derart arge Verwüstungen anrichtete, daß sich die Hochwasserschäden in jedem einzelnen Flußgebiete auf mehrere Millionen beliefen. Man erkannte in Fachkreisen, daß man derartigen Wassermassen wirksam und zugleich wirtschaftlich nur begegnen konnte, wenn man die notwendigen Regulierungsarbeiten mit Hochwasserspeichern verband. Dr. Ing. Otto Intze, Professor in Aachen, wurde kurz nach der erwähnten Hochwasserkatastrophe seitens der preußischen Regierung mit dem Entwürfe von Talsperren in Schlesien betraut.

Auch auf der böhmischen Seite des Isergebirges fiel der Gedanke auf frucht­baren Boden. Hier waren es die Privatbeteiligten, und zwar in erster Reihe die am meisten Geschädigten im Tale der Schwarzen Neiße und an der Görlitzer Neiße bei Reichenberg, die die Errichtung von Talsperren in Aussicht nahmen. Schon im Jahre 1899 schlossen sich die Besitzer fast aller Wasserwerke im Tale der Görlitzer Neiße, bis an die Landesgrenze, zu einer Wassergenossenschaft zusammen und übernahmen in dieser Vereinigung die finanzielle Durchführung der großen Aufgabe.

Intze hatte auch hier die Ausarbeitung der Entwürfe und die Oberleitung der Vorarbeiten übernommen. Im Jänner 1901 war der allgemeine Entwurf fertiggestellt. Dieser Entwurf enthielt den Vorschlag, im Gebiete der Neiße sechs Talsperren zu errichten, die zusammen ein Niederschlagsgebiet von 72 km 2 beherrschen und insgesamt einen Fassungsraum von 8000000 m 3 erzielen. Der Effekt der ganzen Anlage besteht darin, daß man zu Zeiten der größten Hochfluten eine sekundliche Hochwassermenge von ungefähr 100 m 3 zurückzuhalten in der Lage ist und in wasser­armer Zeit durchschnittlich 1 m 3 in der Sekunde dem Flußgerinne Zuspeisen kann. Die Anlage dient in ihrer Auswirkung vornehmlich gewerblichen und industriellen Zwecken; in einzelnen Fällen wurde auch die Verwertung des auf gespeicherten Wassers zu sonstigen Nutzzwecken vorgesehen.

Die Bauausführung des großzügigen Werkes konnte fast im vollen Umfang in den Jahren 1902 bis 1910 in ununterbrochenem Zuge bewältigt werden, dank der umsichtigen Leitung des Prof. Dr. Intze, dem ja vielfältige Erfahrungen im Talsperrenbau zur Verfügung standen, dank der rührigen Tätigkeit der Wasser­genossenschaft Reichenberg und dank des Entgegenkommens aller maß­gebenden Behörden. Der Bau wurde mit 60% der Gesamtkosten aus Staats­und Landesmitteln unterstützt, außerdem standen der Wassergenossenschaft auch beträchtliche Beihilfen der preußischen Regierung, des Königreiches Sachsen sowie der Provinz Schlesien, der Oberlausitz und der Stadtgemeinde Görlitz zur , Verfügung.

In diese Reihe großzügiger Wasserbauten, die einerseits die Hochwasserent-