Beiträge zur Geschickte der österreichischen Wasserwirtschaft.
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angeschlossen werden. 1886 bis 1897 konnte allmählich auch die Einbeziehung der neuen Quellen oberhalb des Kaiserbrunnens (im „Höllental“ und im „Naßwald“) durchgeführt werden.
Inzwischen wurden auch weitere Untersuchungen wegen der Ergänzung der Trinkwasserleitung durch eine selbständige Nutzwasserleitung, zugleich auch wegen der Errichtung einer zweiten Hochquellenwasserleitung vorgenommen; am 27. März 1900 beschloß der Gemeinderat, die Projektierung einer zweiten Hochquellenleitung aus den Quellen im Salzatale (mit einer Tageswassermenge von 200000 m 3 ) anzuordnen. Mit diesem Entschlüsse sicherte der Gemeinderat die einheitliche Trinkwasserversorgung mit Quellwasser „zum immerwährenden Wohle unserer Vaterstadt Wien“, wie der Bürgermeister Dr. Karl Lueger bei der am 11. August desselben Jahres gefeierten Grundsteinlegung mit vollem Rechte sagen konnte. Die Aufwendungen, die für die Zuleitung der neuen Quellen erforderlich waren, sind zu ermessen, wenn man bedenkt, daß diese Zuleitung bis zum Anschlüsse an die bestehende Hochquellenleitung (in Mauer) insgesamt mehr als 170 km lang ist und daß sie zum großen Teile als gemauerter Hangkanal, in vielen Teilstrecken aber als Stollen, als Aquädukt, Rohrbrücke oder Düker durchgeführt werden mußte. Am 2. Dezember 1910 konnte das neue Werk dem öffentlichen Betriebe im neuen Umfange übergeben werden.
Die Stadt Wien ist demnach seit dem Jahre 1873 mit Hochgebirgsquellwasser versorgt und hat durch ihr unerschüttertes Festhalten an dieser idealen Wasserversorgung in weitem Umfange vorbildlich gewirkt. Zwei Namen sind mit dieser Tat für immerwährende Zeiten verknüpft: Prof. Eduard Suess, der als Gemeinderat und Referent der Wasserversorgungskommission die Quell Wasserversorgung auf Grund seiner eigenen Studien gegenüber allen sonstigen Vorschlägen zielbewußt vertreten hat, ist der eigentliche Begründer des großen Gedankens, und seinem nachhaltigen Wirken ist es zum Teil auch zu danken, daß man von dem gewiesenen Wege nicht mehr abgewichen ist. Dem städtischen Oberbaurat Dr. Ing. Karl Kinzer aber gebührt das Verdienst, auf die Ausforschung der Quellen Verhältnisse im Salzagebiete verfallen zu sein, die mächtigen Quellen daselbst aufgefunden, ihre Eignung für die Wasserversorgung Wiens erkannt und zuerst in Vorschlag gebracht zu haben.
Zahlreiche Städte ließen in der Folge ihre Versorgung mit filtriertem Flußwasser sowie andere gesundheitlich minderwertige Anlagen auf und wandten sich gleich-
Abb. 3. Zweite Hochquellenleitung der Stadt Wien, Aquädukt über den Hundsaubach bei Göstling.