Aufsatz 
Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich : persönliche Erinnerungen / von Friedrich Drexler
Entstehung
Seite
175
Einzelbild herunterladen

Die Anfänge der Elektrotechnik in Österreich.

Persönliche Erinnerungen

von

Baurat E. h. Zivilingenieur-Konsulent Ing. Friedrich Drexler.

Mit 4 Abbildungen.

Wenn auch die Elektrotechnik in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Frankreich, England und Deutschland ihren Anfang genommen hat, so kann Österreich dennoch stolz darauf sein, daß es gleichfalls an der Entwicklung dieses Faches regen Anteil nahm und daß hier bedeutende Erfindungen und Fortschritte auf diesem Gebiete erzielt wurden.

Es sei vorausgeschickt, daß in diesem Berichte nur von der Starkstromtechnik und vom alten Österreich-Ungarn die Bede sein soll, und nicht von der Entwicklung der Telegraphen- und Telephonindustrie oder anderen Zweigen der Schwachstrom­technik. Dem Verfasser war es vergönnt, selbst an dieser Entwicklung mitzuarbeiten und vieles zu erleben, w r as auch für spätere Zeiten wissenswert sein wird. Diese Zeilen sollen daher auch als ein Beitrag zur Geschichte der Elektrotechnik dienen und namentlich zeigen, wie man sich in den ersten Anfängen oft mit den aller- einfachsten Mitteln behelfen mußte. Das w r ar in der Zeit vom Ende der sechziger Jahre bis zum Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Nach dieser Zeitspanne ist die Elektrotechnik aus ihren kleinsten Anfängen zu einer über die ganze Welt verbreiteten Großindustrie angewachsen.

Den Auftakt zu der Entwicklung der Starkstromtechnik bildet das von Weener Siemens im Jahre 1867 ausgesprochene und in seiner vollen Tragweite erkannte ,,dynamoelektrische Prinzip. Andeutungsweise wurde dieses grundlegende Prinzip allerdings schon von dem Benediktinermönch und nachmaligen Professor der Physik an der Universität Budapest, Anyos Jedlik, im Jahre 1859 erwähnt. Dieser Ge­lehrte wies in der Gebrauchsanweisung über einen Unipolar-Indukt-or darauf hin, daß durch Drehung eines Elektromagneten in einer Drahtwicklung elektrischer Strom erzeugt wird, der durch die Wicklung des gedrehten Elektro­magneten fließt, dadurch dessen Magnetismus vermehrt und sohin wiederum stärkeren Strom induziert. Jedlik w'ar aber kein Techniker und seine wissenschaft­lichen Erkenntnisse fanden keine praktische Anwendung.

Im Jahre 1867 baute der Universitätsmechaniker Johann Kravogl in Innsbruck seinen hochinteressanten elektromagnetischen Motor, auf w r elchen Prof. Pfaund­ler im Jahre 1870 das elektrodynamische Prinzip anwandte und so die Maschine auch als Stromerzeuger betrieb. 1

Im Jahre 1873 fand in der Rotunde die Wiener Weltausstellung statt, und diese Zeit bildete einen Wendepunkt in der modernen Technik. Hier w'ar es, w r o man die Anfänge der Starkstromtechnik zum ersten Male sehen konnte. Man fand dort die ersten dynamo-elektrischen Maschinen von Gramme und von Siemens

1 Müller-Pouillet, Physik, 8. Aufl., 3. Bd., S. 692.