Der technisch-wissenschaftliche Anteil Österreichs an der Radiotechnik.
Von
Sektionsrat Ing. Hans Pfeuffer.
Mit 8 Abbildungen.
Geht man den Voraussetzungen für den ganz besonderen und zum Teil grundlegenden Anteil nach, den Österreich an der Entwicklung der drahtlosen Nachrichtentechnik genommen hat, so zeigt sich gleichzeitig auch ein ganz charakteristisches Bild der spezifischen österreichischen Leistungsfähigkeit.
Österreich — vor dem Weltkriege als Land ohne Kolonien, mit dementsprechend bescheidenem Überseeverkehr, nach dem Kriege auf ein stark verengtes inländisches Absatzgebiet angewiesen — konnte seiner Radioindustrie niemals die ganz großen Entwicklungschancen bieten, wie dies in Deutschland, England oder den Vereinigten Staaten der Fall war. Die Leistungen der österreichischen Radioindustrie, so beachtenswert sie jederzeit waren, konnten daher nicht, wie in den genannten Ländern, ihren Höhepunkt in einzelnen Riesenschöpfungen finden, ihr Schwerpunkt mußte vielmehr vorwiegend in individueller und sorgfältiger Kleinarbeit liegen.
Waren und sind also im Zeitalter der industriellen und betriebsmäßigen Auswertung der Radiotechnik dem Anteil Österreichs gewisse natürliche, vor allem wirtschaftliche Grenzen gezogen, so ergibt sich ein ungleich anderes Bild zu Anfang, im eigentlichen Pionierzeitalter dieser Technik. Hier sehen wir eine kleine Anzahl schöpferischer Männer, ohne die reichen Forschungsmittel, die heute eine hochentwickelte Industrie ihren Mitarbeitern zur Verfügung hält, mehr oder weniger für sich allein am Werk, bei dem vor allem tiefes Einfühlen in die Natur, geniale Intuition und ein gewisser Prophetenglaube an die Zukunft der Technik die Hauptrolle spielen. Und unter den Bedeutendsten dieser Wegbereiter einer Technik, die heute vielleicht am meisten zur seelischen Annäherung aller Menschen und zum wirtschaftlichen Zusammenschlüsse der Welt beiträgt, dank der Produktivität Österreichs an hochwertigen geistigen Kräften — eine nicht geringe Anzahl Österreicher.
Vor allem drei Forscher, deren Werk grundlegende Bedeutung für die Entwicklung der Radiotechnik gewonnen hat:
Ernst Lecher, der erstmalig Frequenz und Wellenlänge der von Heinrich Hertz entdeckten elektrischen Schwingungen genau bestimmt hatte und dessen Methode bis vor kurzem den einzigen Weg zur exakten Eichung von Wellenmessern darstellte,
Robert von Lieben, der zielbewußte Erfinder der Verstärkerröhre,
Sigmund Strauss, auf dessen „Rückkopplungsprinzip“ die heute fast ausschließliche Verwendung der Verstärkerröhre zur Schwingungserzeugung in den Radiosendern beruht.
Dr. Ernst Lecher, geboren in Wien im Jahre 18ö6, als Sohn eines Journalisten in einem geistig beweglichen Milieu aufwachsend, wandte sich frühzeitig der Physik zu,