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Hans Pfeuffer
zweckmäßig eine größere Drahtlänge, so daß mindestens zwei Spannungsknoten auf treten, die dann 1 / 2 Wellenlänge Abstand haben.
Da die Kapazität und Selbstinduktion der verwendeten geraden und parallelen Drähte rechnerisch leicht bestimmbar ist, konnte Lecher nach der Kirchhoff- schen Formel die Frequenz der von ihm benützten Schwingungen ermitteln. Lecher, der, wie aus der Anordnung ersichtlich ist, mit Funken, also mit gedämpften Wellen arbeitete, erzielte schon im Jahre 1890 eine Meßgenauigkeit von 2 v. H. Diese für diese Zeit außerordentlich hohe Meßgenauigkeit hat sich später bei Anwendung ungedämpfter Schwingungen noch ganz bedeutend vergrößert.
In weiterer Folge gelang es Lecher auch, die Fortpflanzungsgeschwindigkeit
elektrischer Wellen in den Drähten mit ziemlicher Genauigkeit anzugeben. Er schreibt hierüber in der bereits erwähnten Abhandlung:
„Stets habe ich die Beobachtungen von Hertz bestätigt gefunden ; in einem wichtigen Punkte jedoch erhielt ich ein anderes Resultat; ich fand nämlich die Geschwindigkeit der Elektrizität in Drähten, für welche Hertz 200000 km pro Sekunde angibt, fast genau gleich der Lichtgeschwindigkeit, wie dies auch die MAXWELLsche Theorie fordert.“ Erst etwa zehn Jahre später wurde in der Radiotechnik die Bedeutung der richtigen „Abstimmung“ und damit die Wichtigkeit der von Lecher gelehrten Wellenmessung erkannt. Die rasche und erfolgreiche Entwicklung, die nun einsetzte, als die Radiotechnik von der durch Lecher geschaffenen Möglichkeit des „Messens“ Gebrauch machte, ist daher innig mit dem grundlegenden Werk Lechers verknüpft. Die „Lecherschen Drähte“ gehören bis zum heutigen Tage zum unentbehrlichen Rüstzeug der Radiotechnik und gewannen gerade in letzter Zeit durch die allgemeine Verwendung der kurzen Wellen neuerdings besondere Bedeutung.
Lechers Wirken für die Radiotechnik ist aber keineswegs mit seiner Vaterschaft der Wellenmeßkunst erschöpft. Eine ganze Anzahl sonstiger Arbeiten zeigte, daß Lecher als echter schöpferischer Gelehrter eine ganze Reihe wesentlicher Erscheinungen der Radiotechnik ihrer Bedeutung nach frühzeitig erkannte und, wie die spätere Erfahrung lehrte, richtig gedeutet hat. Besonders sei erwähnt eine „Untersuchung über das magnetische Kraftfeld einer von elektrischen Schwingungen umflossenen Spule“ (1895) und eine Arbeit über die „Schirmwirkung der Gase gegen elektrische Schwingungen“ (aus den Verhandlungen der deutschen physikalischen Gesellschaft von 1902) sowie „Über künstliche Elektrisierung der Erdkugel“ (Physikalische Zeitschrift, 3. Jahrgang, Nr. 13, S. 273, und 4. Jahrgang, Nr. 11, S. 320). Lecher spricht bereits in diesen Arbeiten die erst viel später wieder aufgetauchte und heute durch die Erfahrung bestätigte Meinung aus, daß bei der Ausbreitung
Abb. 2. Prinzip der „Lecher’sehen Drähte". Aus der Originalveröffentlichung Ernst Lechers „Eine Studie über elektrische Resonanzerscheinungen" in den Sitzungsberichten der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien, Mathem.-naturwissenschaftliche Klasse, Bd. 99, Abt. Ila, vom 24. April 1890.