Emo Descovicii: Fritz Franz Maier und seine Schiffsform.
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Gelegentlich einer Kahnfahrt auf der Donau fällt dem jungen Studenten auf, daß das auf dem Wasser schwimmende Laub nur zum Teil seitlich abgewiesen wird, zum Teil aber unter dem Boot hindurchtaucht und am Heck gänzlich durchnäßt wieder her vor wir beit. Eingedenk des Satzes vom geringsten Widerstand folgert er daraus, daß für diese Blätter der bequemste Weg an der Unterseite des Fahrzeuges verlaufen müsse, daß es daher im Schiffbau vor allem darauf ankäme, dem lebenden Werk jene Form zu geben, die einen gleichmäßigen Abfluß aller Wasserfäden gestattet.
Dieser Gedanke, einmal gefaßt, verläßt ihn nicht mehr, und ist bestimmend für seinen Lebensgang. Sein Schiff sollte nicht so sehr das Wasser zerteilen, als vielmehr darüber hinweggleiten. Ein Fahrzeug von dreieckigem Querschnitt würde ein Ausweichen aller Wasserfäden in der Ebene, in der sie sich gerade befinden, ermöglichen, während bei den üblichen Spantformen jedes Wasserteilchen am Vorschiff auch niedertauchen und am Achterschiff hochtauchen muß, also zusätzliche Arbeit verbraucht, die dem Vortrieb entzogen wird. Der Dreiecksquerschnitt, der eine außerordentliche Steifigkeit des Schiffes zur Folge hätte, läßt sich aber nicht ohne weiteres anwenden. Es muß ein Kompromiß geschlossen werden. Daß die Suche nach ihm nur auf Grund reicher Erfahrungen möglich sei, war Maier von Anfang an vollkommen klar.
Von der Ingenieurprüfung weg tritt er in die Werft vorm. Tonello (Stabilimento Technico) in Triest ein, geht dann nach Amerika, wo er auf den berühmten Klipperwerften, auf denen die besten Segelschiffe jener Zeit entstanden, vier Jahre lang arbeitet, und auf mancher Sturmesfahrt unter Segel die hohe Bedeutung guter Schiffsformen für die Seetüchtigkeit schätzen lernt. In die Heimat zurückgekehrt, verbringt er zwei Jahre als Schiffskonstrukteur auf der Werft H. Schönichen in Neupest, wird erster Direktor der 1877 gegründeten Materialprüf- und Versuchsanstalt in Steyr. Nach sechs Jahren verläßt er den Staatsdienst, um für ein halbes Jahr bei Ringhoffer in Prag-Smichov einzutreten. Dann wandert er neun Jahre lang in Schottland und England von Werft zu Werft. Da ruft die Heimat. In einer Audienz ernennt ihn Kaiser Franz Joseph zum Vertreter Österreichs in der Internationalen Studienkommission zur Untersuchung der Schiffbarkeit der Flüsse Sibiriens. Zwei Jahre lang durchstreift Maier dieses ungeheure Land. Seine dort gewonnenen Erfahrungen verwertet er als Leiter der Flußregulierung in Bosnien und Herzegowina. Dort entstehen seine als ,,unkenterbare Drinaboote“ bekannten Fahrzeuge. Und da packt ihn seine Schiffsformidee wieder mit ganzer Macht. Um ihr allein dienen zu können, verfolgt er auch eine Reihe von ihm stammender Erfindungen auf anderen Gebieten nicht weiter, und läßt die ihm erteilten Privilegien, z. B. jene für einen Ringfilter und für neuartige Kesselrohre, verfallen. Nun findet er auch Zeit einen Hausstand zu gründen. 1898 vermählt er sich mit der um sechsundzwanzig Jahre jüngeren Agnes Paweletz, gleich ihm einer Wiener Bürgerfamilie entsprossen. Seinen Wohnsitz schlägt er in der damaligen Eisengasse auf, die nunmehr den Namen seines Freundes Wilhelm Exner trägt. Zu seinen Freunden zählte auch der Begründer des schiffbautechnischen Versuchswesens William Froude, mit dem er in regem Briefwechsel stand, und für dessen Ansichten er sich begeisterte.
Geschichte der Technik, H. 1.
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