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1932: Erstes Heft
Entstehung
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Sigmund Brosche

Boden gewinnen, denn das damalige Österreich war vorwiegend ein Agrarstaat mit feudalem Einschlag unter bureaukratischer Leitung, in dem die Industrie mehr nach althergebrachten Methoden als auf wissenschaftlich-technischer Grundlage arbeitete. Es ist klar, daß in solcher Zeit die Schaffung eines Technischen Museums unmöglich war und es kann deshalb nicht wundernehmen, daß, als der seiner Zeit weit vorauseilende Geist Wilhelm Exners im Jahre 1873 die Errichtung eines derartigen Museums in Angriff nehmen wollte, seine Anregung keine Unterstützung fand. Wohl hat er ein kleines Museum, das ,Museum der österreichischen Arbeit, zustande gebracht, das einige wertvolle Objekte enthielt, aber ein großzügiges Unternehmen konnte er nicht ins Leben rufen, weil der Geist der Zeit dagegen war. Ebenso wie die später entstandenen Spezialmuseen, das Eisenbahnmuseum, das Postmuseum und das Gewerbehygienische Museum war auch das Museum der Österreichischen Arbeit sozusagen ein Museum mit Ausschluß der Öffentlichkeit. Es wußte niemand von diesen Museen, ihre Besucherzahl war lächerlich gering, und viel kümmerlicher noch war ihre Unterbringung. Erst als Österreich zum Industriestaate emporblühte, als es die ungeheure Bedeutung des technischen Fort­schrittes für die Volkswirtschaft erkannte und würdigte, erst als das glänzend ein­gerichtete Deutsche Museum in München von Österreichern besucht und sein Wert auch hier schätzen gelernt wurde; erst dann gewann die Idee des Technischen Museums die Macht, um zur Verwirklichung zu gelangen. Ein äußerer Anlaß bot sich durch das sechzigjährige Begierungsjubiläum Kaiser Franz Josef I.

Es sind nun gerade 16 Jahre her, als eine Abordnung des Elektrotechnischen Vereines in Wien unter der Führung des verstorbenen Ing. L. Gebhard und des Hofrates Ing. Carl Schlenk bei mir im Handelsministerium erschien und General­direktor Dr. Ing. Georg Günther als der Sprecher der Abordnung mitteilte, daß der Elektrotechnische Verein beschlossen habe, ein Technisches Museum in Wien zu errichten, und die Notwendigkeit einer Unterstützung und Subventionierung von Seite der Regierung durch überzeugende Gründe nach wies. Es war mir von vorneherein klar, daß ein einzelner Fachverein, auch von so besonderer Bedeutung wie der Elektrotechnische Verein, zu schwach sei, um ein solches Riesenprojekt durchzuführen und ebenso war es ausgeschlossen, für ein solches Unternehmen eine hinreichende Staatssubvention zu erlangen. Der Gedanke war aber auf frucht­baren Boden gefallen und ließ den Wunsch entstehen, ihn in die Tat umzusetzen. In den nächsten Tagen spielte sich eine andere Angelegenheit ab, die mit dem Museumsprojekt scheinbar in keinem Zusammenhang stand. Anläßlich des Regie­rungsjubiläums des Kaisers war vom Niederösterreichischen Ge wer be verein die Veranstaltung einer Gewerbe- und Industrieausstellung geplant. So sehr dieses Unternehmen anfangs von allen beteiligten Kreisen, insbesondere auch von der Regierung unterstützt worden war, stellten sich ihm doch bald allerlei Hindernisse in den Weg. Die ursprünglich freundliche Haltung der Regierung schlug allmählich in das Gegenteil um und sie erteilte mir als Referenten den Auftrag, die Abhaltung der bereits in Angriff genommenen Ausstellung zu verhindern. Der strikte Auftrag der Regierung mußte vollführt werden und es zeigte sich dabei, daß es unter Um­ständen leichter sein kann, eine Ausstellung zu veranstalten, als sie zu verhindern.

Der Gedanke, statt einer vorübergehenden Ausstellung eine dauernde Ausstel-