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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
Entstehung
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87 Eine eigens konstruierte Heiz- und Ventilationsanlage soll die Luft in den Sälen befeuchten und staubfrei halten, im Winter heizen und im Sommer kühlen. Die Bediensteten haben trotzdem bald wieder die alten Probleme: In den dicht bevölkerten Großräumen werden Verschmutzung, unzurei­chende Belüftung und Beheizung sowie hohe Lärmbelastung beklagt. Es formiert sich Widerstand. Im Februar 1906 konstituiert sich ein Verein, der für die Interessen der weiblichen Bediensteten eintritt. Unter dem Titel Mitteilungen des Reichs­vereines der Post- und Telegraphenmanipulantinnen und Posthilfsbeam­tinnen erscheint eine Vereinszeitschrift. Es geht den Frauen jetzt aber um mehr als nur um Arbeitsbedingungen. Da sie sich nach wie vor vom Staat als billige Arbeitskräfte missbraucht fühlen, fordern sie einen Beamtenrang samt entsprechender Bezahlung und offiziellem Titelk.k. Beamtin. 31 Abgesehen davon kämpfen auch unterprivilegierte Bedienstete wie Linienaufseher für die Übernahme in den Unterbeamtenstatus mit ent­sprechend besserer Besoldung. Sie verweisen auf ihre oft gefährlichen Arbeiten wie das Spannen der Drähte über die Dächer der Stadthäuser. Es stellt sich die Frage, ob gehäufte Todesfälle unter Kollegen schlech­ten Arbeitsbedingungen geschuldet sind. Für Invalide wie den Triestiner Telegrafenaufseher Onuphrejus Chmielnik, der beim Anschließen eines Apparattisches durch einen Blitzschlag schwer verletzt wurde, wird ge­sammelt. Wegen Invalidität pensioniert, reicht sein Ruhestandsgenuss bei Weitem nicht aus, seine Frau und fünf minderjährige Kinder zu ernähren, zumal eine allgemeine Teuerungswelle den Beziehern kleiner Einkommen schwer zu schaffen macht. 32 Andererseits ist es der billigen Arbeitskraft dieser Menschen zu verdanken, dass das Telegramm relativ kostengünstig geworden und in immer breite­re Bevölkerungskreise vorgedrungen ist, wenngleich es dort nach wie vor eine exklusive Ausnahme vom Alltäglichen darstellt. Einfache Menschen erhalten Telegramme meist nur zu ernsten Anlässen wie Todesfällen in der Familie. Das Telegramm gilt deshalb vielen als Unglücksnachricht, was der Grund dafür ist, dass Boten beim Zustellen oft in bange Gesichter blicken. 33