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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
Entstehung
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110 aufgenommen und dank Ronges Vorarbeiten auch entschlüsselt und mitgelesen. Als aber die russische Armee im November 1914 alle ihre Schlüssel mit einem Schlag ändert, versiegt die Quelle. Figl wird zur Unterstützung an die Front beordert, und es gelingt ihm, gemeinsam mit dem Russisch sprechenden Victor von Marchesetti, ein langes Funktele­gramm zu entziffern. Es liefert wichtige Hinweise auf Truppenverlegun­gen der zaristischen Armee und bildet deshalb einen von FiglsRadio­siegen, wie er dieserart Entzifferungserfolge nennt. 26 Mit dem Kriegseintritt Italiens entsteht im Frühjahr 1915 im Süden der Habsburgermonarchie eine neue Front. Das im untersteirischen Marburg eingerichtete Kommando wird an das Telegrafennetz an­gebunden. Um dem herrschenden Mangel an Hughestelegrafisten abzuhelfen, werden die Truppenkörper nach ehemaligen Postbeamten mit Vorbildung durchsiebt; gleichzeitig wird ein eigener Ausbildungs­prozess in Gang gesetzt. 27 An den Fronten zeigt sich, dass die pferdebespannten, für den Be­wegungskrieg konzipierten Funkstationen für den Stellungskrieg, der sich jetzt immer öfter darbietet, nicht geeignet sind. Zunehmend prägen Unterstände und Schützengräben den Kriegsalltag. Deren Besatzungen benötigen tragbare Tornisterstationen, insbesondere im Gebirgskrieg mit Italien. Bei Telefunken werden solche Kleinradiosta­tionen bestellt, die eine Reichweite von einigen Kilometern haben. 28 Leicht transportabel, ermöglichen sie rasche Ortsveränderung. Und sie bedürfen zu ihrem Betrieb keiner Kabel, die durch Artillerieeinschlä­ge zerstört werden könnten. Betrieben werden sie mit Strom, der im Handkurbelbetrieb vor Ort erzeugt wird. Es dürfen jedoch nur chiffrier­te Funksprüche gesendet werden, und auch nur dann, wenn keine anderen Kanäle zur Verfügung stehen. Die Übermittlung unnötiger Korrespondenz ist strikt untersagt. In weiterer Folge wird der Funkver­kehr aus Sicherheitsgründen ganz eingestellt und man geht dazu über, Funkstationen überhaupt nur für den Horchdienst zu nutzen. 29 Figl, der Italienisch spricht, wird aus Wien nach Marburg abkomman­diert. Sein Auftrag ist der Aufbau eines regulären Horch- und Ent­zifferungsdienstes des italienischen Funkverkehrs. Er richtet eine Dechiffrierstelle mit dem NamenRadioohr(späterPenkala ge­nannt) ein und es dauert nicht lang, bis er einen ersten großen Erfolg verzeichnet. Vor dem Hintergrund einer blutigen Schlacht am Isonzo gelingt es ihm, eines chiffrierten Funkspruchs des italienischen Gene­ralstabschefs habhaft zu werden, der in der Generalstabschiffre Cifrario rosso chiffriert ist. Figl erkennt dabei, dass sich die Italiener desselben